Der hässliche Platz

„La que es mala

no lo parece

y la que es buena

no lo aparenta“  („Esperanza„, hier gesungen von Antonio Machín)

Der hässlichste aller Plätze in unserer kleinen Stadt beherbergt, was nicht verwundern dürfte, eine Feldherrnhalle. Man gelangt zu diesem Platz über protzige Straßen, gesäumt von prächtigen Gebäuden, in denen weder dem Wohlbefinden noch der Schönheit gehuldigt wird – obwohl man gerne den Eindruck erweckt – sondern dem Geld mit einem großen G, E, L und D.

Wie Sie wissen, ist Pracht nicht immer gleich Schönheit, und so habe ich eigentlich selten Menschen auf dem Platz gesehen, welche die Augen schräg nach oben richteten, um die prächtigen Fassaden zu bewundern. Die meisten eilen gesenktem Blicks in eines der Museen, in den kleinen Park nebenan – in dem sich übrigens auch eine mit Muscheln besetzte Scheußlichkeit erhebt, die hier und heute aber nicht beschrieben werden soll – oder gleich zur Treppe, die in den Untergrund führt.

Der Untergrund aber ist eines der Vorzimmer der Hölle, zumindest im Berufsverkehr. Die Einwohner unserer kleinen Stadt, das stellte ich sofort fest, als mich das Schicksal hierher verschlug, können sich nur auf schnurgeraden Linien fortbewegen. Ausweichen, den Vortritt lassen oder Rücksicht nehmen sind hierorts Anzeichen der Schwäche. Unter dem hässlichen Platz zeigen die Hiesigen gar ein Benehmen, das mich bestenfalls an Schweine zur Fütterungszeit erinnert. Beim Umsteigen im Berufsverkehr  fürchte ich mitunter, erdrückt, überrannt oder ganz aus Versehen auf die Gleise geschubst zu werden, deshalb steige ich nach Möglichkeit woanders um. Heute allerdings nicht.

Einen markerschütternder Schrei lässt Böses ahnen. Erschrocken drehe ich mich um. Ein junger, weichgesichtiger Mensch brüllt mich an: „Weitergehen!“, dann schimpft er ins Telefon, dass die Leute hier ja alle behindert seien. Durch die wenigen Lücken zwischen den Körpern der nachdrängenden Passanten sehe ich, dass der Arm einer jungen Frau in der Tür der im Anfahren begriffenen U-Bahn stecken geblieben ist. Bevor ich bei ihr bin, haben zwei andere sie glücklicherweise schon befreit. Die drängelnde Menge aber schubst mich weiter, ob die Frau wohlauf ist, weiß ich nicht.

Was für ein Mensch, frage ich mich, muss man sein, um einen solchen Schrei für weniger wichtig zu halten als das eigene Telefonat, die eigene Bequemlichkeit? Das Gesicht des jungen Mannes, der ja nicht der Einzige war, der weiterging und weiter drängelte, ist mir bekannt. Ich kann mich irren, aber wenn nicht, dann handelt es sich um einen, der in den Social Media sehr aktiv ist und dessen Äußerungen mitunter auch zu mir schwappen. (Sein Foto ziert seinen Twitter-Account, deshalb kenne ich sein Gesicht.)  Er ist einer, der großen Eifer zeigt, wenn es darum geht, andere wegen eines falschen Worts oder einer ungeschickten Formulierung zu verdammen. Aber wie man sieht, benutzt so ein Mensch den Begriff „behindert“ als Schimpfwort und verhält sich auch sonst anmaßend und rücksichtslos.

Zu Hause angekommen, ist mir übel.

3 Gedanken zu “Der hässliche Platz

  1. Mitzi Irsaj schreibt:

    Stark ge- und beschrieben.
    Die „eine mit Muscheln besetzte Scheußlichkeit “ ließ mich Schmunzeln. Der Rest nicht, aber das verwundert nicht, denn das Beschriebene ist auch eine Scheußlichkeit.

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