Losgelassen

Vor ein paar Tagen schrieb ich jemandem, ich behielte Dich in meinem Leben, zu Deinen Bedingungen, wenn es denn nicht anders gehe. Anderen habe ich geschrieben, ich würde Dich nicht loslassen, egal, was Du sagtest und tätest. Aber es scheint nun, als hättest Du losgelassen.

Auf dem Ostfriedhof scheint die Sonne, und ich muss daran denken, dass Sophie Scholl kurz vor ihrer Hinrichtung ihrem Bruder und ihrem Freund zugerufen haben soll: „Die Sonne scheint noch!“. Ein böses, bitteres Lachen will mir in der Kehle hochsteigen, als ich mich erinnere, dass meine Großtante, deren Name sich in nur zwei Buchstaben von dem der Sophia Magdalena Scholl unterschied, die Geliebte eines verheirateten Nazis war. Nein, das ist nicht lustig, und das hat auch nur auf Umwegen mit Dir zu tun. Ich hätte Dir das nur gerne erzählt, aber ich weiß nicht, wie Du es aufgenommen hättest.

Ein großer Friedhof wie dieser ist voll von Brunnen. Im größten, frisch restaurierten, schwimmt eine Entenmutter mit zehn winzigen Küken. Was ist das, das macht, dass ich sofort die Vision einer Hand habe, die zwei, drei Küken einfach aus dem Wasser schaufelt und ihnen – mit Hilfe einer zweiten, ebenso groben Hand – die Hälse herumdreht? Wir waren noch Kinder, als wir sahen, wie jemand junge, kranke Puten auf diese Weise tötete. Meine Großmutter hat hingegen darauf geachtet, dass wir nicht mit ansahen, wie sie ein Huhn schlachtete. Oder, wenn ich mich recht erinnere, forderte sie einen ihrer Schwiegersöhne auf, das für sie zu tun. Gerupft, auf dem Weg in den Ofen, durften wir das Huhn wieder sehen. Wir haben es anstandslos gegessen.

Auf einem anderen Brunnenrand schläft ein Erpel. Er öffnet ein Auge, als ich vorbeigehe. Ist das der erschöpfte Vater zu den zehn Küken? Mir fällt ein, dass ich nichts über die Lebensweise und Brutpflege von Stockenten weiß. Gerade, dass ich noch Stockenten erkenne, wenn ich sie sehe.  Auf einem Grabstein steht der Name Penisuisui. Später schaue ich nach und lese, dass es sich um einen hawaiianischen Vornamen handelt. Ob Mann oder Frau, weiß ich jedoch nicht. Auf vielen Gräbern leuchten rote Kerzen. Zünden die hiesigen Katholiken an Pfingsten Kerzen für ihre Toten an? Ich habe zuvor nie darauf geachtet. Du wüsstest das wahrscheinlich.

Eine Familie diskutiert über die Bepflanzung eines Grabes. Alte Männer schleppen mit Mühe und Not schwere Gießkannen. Alte Frauen stochern gebückt in der Graberde. Die Inschriften der Steine und Kreuze erzählen Bruchstücke von Geschichten. In einer Ecke des Friedhofs scheint mir, ich hörte sie lachen, jene Gräfin Larisch.

Ich hätte  Dir so gerne davon erzählt.

8 Gedanken zu “Losgelassen

  1. Henk schreibt:

    Hier zu möchte man so gern was schreiben. Etwas Tröstliches? Aber eigentlich weiß man doch gar nicht um was es geht. Man hat da ja gar nichts mitzureden. Nichts beizutragen. Würde man als dritte Person dies hier erzählt bekommen, vielleicht im Schatten eines vom Wind verbogenen Baumes, so könnte man emphatisch dazu nicken oder einfach anwesend sein oder einfach zu hören. So kann ich nur die Zeilen lesen und mit diesen hilflosen Text zeigen, dass ich emphatisch genickt habe, einfach anwesend war und zu gehört habe.

  2. Lakritze schreibt:

    Achje, die Geschichten, die man dem ganz genau Richtigen nicht erzählen kann. Ich denke manchmal, genau für die gibt es Blogs …
    (Außerdem, ich nun wieder, las ich: Auf dem anderen Brunnenrand schläft ein Engel. Das wär mal was gewesen. Aber auch ein Erpel kann auf Küken aufpassen.)

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