Tag der Befreiung

Hier erinnert ein von der Stadtverwaltung gepflegtes Ehrenfeld an russische Zwangsarbeiter, die im März 1945 von einem Kommando der Sicherheitspolizei in K. ermordet wurden.“

Es waren drei, der jüngste gerade einmal 17 Jahre alt. Dieser Jüngste soll übrigens im  Dorf beliebt gewesen sein wegen seines fröhlichen und freundlichen Wesens. Alle drei sind auf einem Dorffriedhof begraben. Ich sage nicht, welches Dorf, und ich verlinke auch nicht zu der Website der Stadt, deren Teil das Dorf heute ist. Übrigens ist   „Ehrenfeld“ ein zu großes Wort. Es sind drei einfache Grabsteine mit Namen und Geburtsdaten. Manchmal bringen Leute Blumen. Diese Grabsteine sind dort noch nicht lange. Zuvor erinnerte nichts an die toten Jungen. Die Grabsteine wurden, so erzählte man mir, gegen den Widerstand einiger örtlicher Familien aufgestellt. Der damalige Pfarrer hat jedoch darauf bestanden und sich durchgesetzt. „Kommando der Sicherheitspolizei“ hört sich an, als seien es kaltherzige Fremde gewesen, die die drei Jungen erschossen, ohne dass das Dorf dies hätte verhindern können. Tatsächlich waren es Männer aus dem Dorf, und das Dorf weiß sehr genau, aus welchen Familien sie stammten. Als die Grabsteine gesetzt wurden, lebte meines Wissens zumindest einer der Mörder noch. Die Männer ermordeten keine Feinde, sondern drei Jungen, die sie jeden Tag gesehen hatten, die neben ihnen gearbeitet und vielleicht mit ihnen zusammen gegessen hatten. Es kann jedoch vermutet werden, dass die Jungen schlecht behandelt wurden, denn warum hätte man sonst bei Kriegsende Zeugen beseitigen wollen? Eine Frau, die heute alt ist und damals ein Kind war, und der verboten wurde, aus dem Fenster zu sehen, als die Jungen vorbeigeführt wurden. erinnert sich an die knallenden Absätze der Mörder und das Tappen der weicheren Schuhe der Jungen. In der Stadt, zu der das Dorf damals noch nicht gehörte, wenige Kilometer vom Dorf entfernt, waren schon die Amerikaner. Man konnte sie schon hören, sagt die alte Frau.

(Die Geschichte gehört, wie anderswo bereits gesagt, nicht mir, und deshalb kann ich keine meiner üblichen Geschichten daraus machen. Ich kann nur notieren, was ich weiß, und das ist sehr wenig. Denn in den Dörfern, wo man einander nach dem Krieg noch in die Augen sehen muss, kann man über solche Dinge nicht sprechen.)

6 Gedanken zu „Tag der Befreiung

  1. Manchmal ist diese Verarbeitung »fremder Geschichten« genauso wichtig. Manches verdient es einfach, dass man es immer wieder, immer weiter erzählt, damit keine Fortsetzungen folgen.

    1. Ich will nicht, dass die drei jungen Zwangsarbeiter vergessen werden. Aber die alte Frau in der Geschichte, die meiner Mutter von diesen Ereignissen erzählt hat, hätte womöglich mit Anfeindungen zu rechnen, wenn jemand aus dem Dorf dieses Blog läse. Deshalb habe ich nicht unbedingt ein gutes Gefühl beim Schreiben darüber.

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