Der Fünfte im Mai

Frau Brüllen stellt mich heute vor die Frage: was schreibt frau bloß über einen ereignislosen Tag. Wer Frau Brüllen nicht kennt, der lese hier: WMDEDGT.

Der Nachbarsbub drückt sich an mir vorbei und sagt weder Grüß Gott noch Sch…dreck. Allerdings straft der liebe Gott hart, aber gerecht, und in Kleinigkeiten bekanntermaßen sofort. Ein Getöse verrät, dass der ungehobelte kleine Klotz mit Rucksack und Zeichensachen die Treppe hinaufgefallen ist. Ein kurzer Blick nach hinten zeigt mir, dass er weder bewusstlos ist noch in seinem Blute schwimmt, deshalb setze ich meinen Weg ziemlich ungerührt fort. Er wird weiter zeichnen können, und vielleicht wird er mal ein neuer Michelangelo. Dann kann er sich ja immer noch ein besseres Benehmen angewöhnen.

Draußen duftet der Flieder über Benzin und Autoreifengummi hinweg. Meisen und Spatzen randalieren in den Löchern der Pfarrgartenmauer. Die Schatzis* sind noch nicht unterwegs und so kann ich mit den anderen alten Weibern in Ruhe einkaufen.

Hinterher lese ich ein bisschen Twitter und ärgere mich über Leute, die Fotos von Kolja Bonke oder Deutschlandfahnen im Profil haben, und über Leute, die solchen Leuten folgen. Andererseits lese ich ja auch den einen oder anderen, der meiner Filterblase übel aufstößt, und da lasse ich mir auch nicht hineinreden.

Die Schlaflosigkeit, die daraus folgende Übermüdung und der wiederum hieraus resultierende Schwindel strecken mich nach dem Mittagessen nieder. An Tanztraining ist nicht einmal zu denken. Ich schlafe zwei Stunden, dann ist es zu spät, um doch noch zum Training zu gehen. Statt Farruca und Tientos also halbherziges Putzen, was das Turmstübchen, das ich meine Wohnung nenne, definitiv verschönert. Nach vierwöchigem Halbkranksein mit Dauerschlappheit sah die Bude nämlich aus wie ein Fall fürs Gesundheitsamt.

Bei leichtem Wind genieße ich später den Ausblick in die grüne Hölle vorm Balkon; auf dem Balkon selbst sprießt das Grün erst zaghaft. In einem Blumenkasten wächst etwas, das eigentlich Mohn werden sollte, aber viel zu groß ist und außerdem leicht nach Tomate duftet. Eine Tomatenpflanze ist es jedoch auch nicht. Wir werden sehen. Die Samen der Werratal**-Mischung sind schon aufgegangen, ein abgebrochener Lavendelzweig, den ich einfach in die Erde gesteckt habe, wächst und gedeiht. Spilleriges Schnittlauch und leicht derangiertes Basilikum hängen in Töpfen am Paravent, ebenso wie Petersilie, aber lassen wir das: Petersilie kann ich so wenig wie Kapuzinerkresse. Dafür hat die Pfefferminze anscheinend den richtigen Platz gefunden (Halbschatten hinter dem Paravent? Ernsthaft? Na, von mir aus!) und kräftig ausgeschlagen.

Für die Besuchskrähe lasse ich einen übriggebliebenen Meisenknödel vom vergangenen Winter auf dem Balkonregal liegen. Wo Krähen sind, sind keine Tauben, und Krähen sind definitiv reinlicher. Die Meisenknödel gebe ich gern als Tribut für die neuen Herrscherinnen des Viertels, denn die schwarzen Biester amüsieren mich. Und sie lieben Meisenknödel. Ich weiß nicht, ob die Meisen im Winter überhaupt ein Bröckchen Knödel bekommen haben.

Die Obstvorräte sind definitiv zu knapp für das Wochenende. Grund genug für einen Ausflug ins Erdgeschoss. Der Laden ist fast leergekauft. Neben Obst finde ich noch zwei Packungen Ramen (Ich gestehe: ich bin süchtig nach Ramen aus der Tüte. Steinigen Sie mich ruhig. Andere spritzen Heroin oder saufen Wodka. Dagegen ist Ramen ein äußerst altjüngferliches und betschwesternhaftes Laster.)

Inzwischen ist es spät genug für ein frühes Abendessen, und damit ziehe ich den Vorhang zu und überlasse Sie Ihren abendlichen Beschäftigungen.

***

*Pärchen, deren Komponenten anscheinend beide Schatzi heißen. 

**Heimat. Naja, fast, am Ende des Tals. (Für den geschätzten Blognachbarn gäbe es da sogar einen Radweg.)

3 Kommentare zu „Der Fünfte im Mai“

  1. Ich verstehe auch nicht, was es mit dem Schnittlauch auf sich hat. Im Laden sieht er immer so schön aus, im Balkon oder auf den Fensterbrett wird er immer so dünn und spillerig. Egal ob Sonne, Schatten oder was dazwischen, humusreiche oder sandige Erde, viel oder wenig giessen, Schnittlauch wird bei mir nie was. Petersilie und Koriander sind auch nicht leicht zu ziehen.
    Ramen sind lecker, wenn sie bei Frauen altjüngferlich und betschwesternhaft sein sollen (wer hat Ihnen das denn eingeredet?), was sind wir Männer dann, die so was mögen? Onkelhalft? Gibt es betbruderhaft?

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