Montagsgesichte(r)

Müde Schülergesichter. Ängstliche Schülergesichter. Gelangweilte Schülergesichter. Nicht ein einziges, das sich auf den Tag zu freuen scheint. War das Wochenende so ermüdend oder ist es die Woche, deren einzelne Tage sich bedrohlich hintereinander aufzutürmen scheinen wie Felsen? Kurze Haare, halblange Haare, wallende Haare, Pferdeschwänze, manchmal Kopftücher bei den größeren Mädchen. Ausdruck der Persönlichkeit mit Hilfe von Frisur und Kleidung, aber in eng gesteckten Grenzen. (Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit, wo eine Hose in der falschen Farbe über Wohl und Wehe, über Seelenruhe oder Gemobbtwerden entscheiden konnte.) Kinderfinger auf Smartphones. Social Media als stupide Ablenkung, kaum Gespräche untereinander. Was für eine Generation ziehen wir heran, da unterm Rad?

Angestelltengesichter. Auch da Angst, Langeweile, Müdigkeit. Schlaflose Nächte haben Spuren hinterlassen. Nur die Russin mit dem strengen Knoten hält sich kerzengerade und strahlt Würde aus. Diese Würde, zu der man sich zwingt, um sich im Rattenrennen nicht verbiegen zu lassen. Andere üben schon die ausdruckslose Miene, die sie nachher im Büro brauchen werden. Für die Bauarbeiter ist es schon zu spät; die sehe ich nur, wenn ich Frühdienst habe. Die Bauarbeiter sind die wenigen, die sich einen deftigen Scherz erlauben, deren Gesichter noch nicht im kollektiven Stumpfsinn aufgegangen sind, die offen darüber sprechen, dass sie ihre Arbeit oft hassen, aber doch irgendwie überleben müssen. Die Angestellten, umso mehr, je höher sie aufgestiegen sind, lügen sich lieber in die eigene Tasche. Glauben Sie den ausdruckslosen Gesichtern in der U-Bahn nicht, glauben Sie erst recht dem falschen Lächeln nicht, das man Ihnen am Schalter, im Büro, an der Kasse zeigt. Die Zeiten, in denen man Erfüllung im Beruf suchte und fand, sind für allzu viele von uns vorbei. Es geht ums pure Überleben. Die Schülergesichter in der U-Bahn scheinen besser darauf vorbereitet zu sein als unsereiner seinerzeit.

Kinder oder Erwachsene, man möchte sie ergreifen und in einen Garten setzen, in eine Bibliothek mit einem sonnigen Innenhof, wo sie lernen, dass sie für ihr Glück und das der anderen verantwortlich sind und dass sie es anderswo suchen müssen, weit jenseits menschenverachtender Ideologien, zu deren Betrieb und Fortbestand man nur abgestumpfte Geister gebrauchen kann. Denn das eine hängt mit dem anderen zusammen, das Mobbing mit dem Gehorchen, das Stupide mit der Unfähigkeit, sich in andere einzufühlen, und die antrainierte Gefühllosigkeit mit der Verachtung des Fremden, des Anderen.

Was ist eine Bibliothek, wenn nicht ein Garten aus Büchern, und was ist ein Garten, wenn nicht eine Leihbibliothek des Lebens?

6 Gedanken zu „Montagsgesichte(r)

  1. Das erinnerte mich an meine Montags-U-Bahn-Fahrten von früher. Heute kann ich zur Arbeit gehen. Das macht die Arbeit nicht schöner, aber den Weg dahin. Und man ist schnell wieder zu hause. Büros mit Lichthöfe.. das wäre etwas sehr Schönes. ^_^

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