Im Buchladen

Die ältere Dame dreht sich um und lächelt, hört aber sogleich wieder damit auf, als ob ihr gerade noch rechtzeitig einfiele, dass man in dieser Stadt, in solchen Buchläden niemanden anlächelt. Wer weiß, vielleicht hätte sie sich gerne in das Gespräch eingemischt, das das junge Paar gerade führt. Vielleicht hätte sie gerne eine Empfehlung ausgesprochen, ein Buch genannt, das zum Gesprächsthema passt, aber nicht bloße Unterhaltung ist. Nichts gegen Unterhaltung, solange sie auch zum Denken anregt. Die Frage ist: wollten die beiden überhaupt zum Denken angeregt werden? Warum geht man in einen Buchladen? Vermutlich gibt es dafür so viele Gründe, wie es Buchladenkunden gibt. Die beiden suchen, so höre ich, ein Geschenk für eine Bekannte, die eine höchst langweilige Person sein soll. Jedenfalls wissen die beiden nicht, ob sie ein Hobby hat, eine Leidenschaft, ob sie Gedichte mag, gerne Sport treibt oder lieber  ins Museum geht. Es scheint sich also tatsächlich um eine langweilige Person zu handeln, oder aber um eine, die ihre Angelegenheiten tunlichst für sich behält. Übrigens habe ich soeben gelogen: die beiden haben sich nicht gefragt, ob ihre Bekannte vielleicht Gedichte oder Museen liebt: sie blättern in diversen Ratgebern – dick und einsam ist sie also auch – Reiseführern und Kochbüchern. Wobei das mit den Reiseführern auch nicht einfach ist: das Pärchen weiß, dass ihre dicke, einsame Bekannte von Zeit zu Zeit verschwindet, aber nicht, wohin, geschweige denn, was sie da treibt, und warum sie oft äußerst gut gelaunt zurückkehrt. Ich bin kurz davor, Martin Mosebach oder Eva Demski zu empfehlen, aber ich bin lange genug auf der Welt, um zu wissen, dass eine mittelalte, gouvernantenhafte Person wie ich im Angesicht der Jeunesse dorée den Mund zu halten hat. Statt dessen schlendere ich wie von ungefähr um den Buchstapel, nehme ein Buch, blättere darin, lege es an die falsche Stelle zurück, gleich neben die Hand des jungen Mannes. Der greift danach, teilt seiner Begleiterin mit, dass ihm das alles zu lange dauert und er jetzt dieses Buch kaufen wird.

So kann es einem gehen, wenn man sonntagnachmittags ein Buch braucht und die Bahnhofsbuchhandlung aufsuchen muss. Manchmal findet man keines, aber dafür hat man eine Geschichte fürs Blog. Vielleicht sogar zwei, wenn mir einfallen sollte, was die dicke, einsame unbekannte Bekannte während ihrer Absencen tun könnte.

10 Gedanken zu “Im Buchladen

  1. wildgans schreibt:

    Das Lesen hat Freude gemacht!
    Einen kenn ich auch, der mehrmals im Jahr solche, für andere rätselhafte Aufenthalte hat, irgendwo. Klasse, die bunte Menschheit!

  2. Carmilla DeWinter schreibt:

    Nun, es gibt auch ein gutes Anti-Abnehm-Buch, habe ich mir sagen lassen … Ansonsten hoffe ich, dass die Beschenkte mit Ihrer Empfehlung Freude hat.
    Über die beobachtete Jeunesse dorée, muss ich gestehen, verdrehe ich ein wenig die Augen: Wenn mir nichts einfällt, frage ich einfach die zu beschenkende Person, was sie brauchen kann.

Kommentare (Bitte beachten Sie hierzu die Datenschutzerklärung)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.