Herr M macht nicht mehr mit.

„Que no te pase lo que a Paco

Se fue a comprar tabaco

Y Paco no volvió más” (Sevillana)

 Warum der stille, vielleicht ein wenig farblose Kollege M eines Tages nicht ins Büro zurückkam, wusste niemand. Ich bin auch nicht sicher, ob sich irgendjemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat. Alles, was man wusste, war, dass er eines Mittags den üblichen Satz „ich geh‘ essen“ in die Runde warf, aufstand und in Richtung Kantine davonging. Der M war ein unauffälliger Kollege, der häufig allein in die Kantine ging. Meistens höflich, immer engagiert, aber – besonders in der letzten Zeit – stets mit einem  kleinen Anflug von Ironie, den sich niemand erklären konnte.

Der M hatte studiert, und – im Gegensatz zu den meisten anderen Kollegen – auch abgeschlossen und zwar nicht einmal schlecht. Die großer Karriere allerdings war ihm verwehrt geblieben, und im Nachhinein frage ich mich, ob es nicht an diesem Hauch Ironie lag, an dieser offensichtlichen Unfähigkeit, Vorgesetzte und deren Wasserträger zu fürchten, dass man ihn nie für eine Beförderung in Betracht gezogen hatte. Denn sowohl Vorgesetzte als auch Wasserträger wollen respektiert werden, und liegt nicht im Respekt auch immer ein wenig Furcht? Der M aber, obwohl still und zurückhaltend, schien vor nichts und niemandem Angst zu haben.

Übrigens war er durchaus kompetent, mehr als das, außerdem überaus fleißig und von schneller Auffassungsgabe. Knirschte es im Getriebe, war der M stets der erste, der es bemerkte und bereits einen Vorschlag zur Verbesserung in der Schublade hatte. Allerdings rückte der M mit seinen durchaus konstruktiven Vorschlägen mitunter heraus, bevor der Chef das Problem überhaupt identifiziert hatte. Auch neigte der M zur Ungeduld und konnte bisweilen nicht verstehen, dass ein Sachverhalt, der in seinem Verstand schon längst geordnet und sonnenklar „vorlag“, nochmals durchdacht, besprochen und von den richtigen Leuten für gut befunden werden musste. Tatsächlich hatte der M neben dem vollständig ausgearbeiteten Vorschlag stets auch Belege, bereits ausgewertete Statistiken und alle nötigen Nachweise zur Hand, hatte geltende Richtlinien geprüft und Lösungen für mögliche Probleme parat. Oh, es war ihm durchaus klar, dass seine Vorschläge zunächst geprüft werden mussten. Jedoch ertrug er es nur schwer, wenn seine Vorschläge als nutzlos vom Tisch gewischt, aber zwei Jahre später als Ideen des Chefs oder eines der Wasserträger wieder auftauchten und von allen Seiten beifällig zur Kenntnis genommen wurden.

Irgendwann, vielleicht etwa ein bis zwei Jahre vor seinem Verschwinden, begann der M, sich zu verändern. Vorschläge und Ideen blieben aus, das leichte, ironische Lächeln zeigte sich häufiger, Überstunden machte er nur noch, wenn er dazu aufgefordert wurde. Dabei arbeitete er ansonsten gewissenhaft und schnell. Faulheit und Schlamperei erregten nach wie vor seinen Zorn, aber außer mir, die ich acht Jahre lang am Schreibtisch ihm gegenüber gesessen hatte, bemerkte niemand mehr seinen Ärger. Dabei war der M in jüngeren Jahren anscheinend aufbrausend, in späteren von bissiger Höflichkeit gewesen. In den letzten Jahren vor seinem Verschwinden legte er sich Hobbies zu, besuchte Theater und Konzerte, begann Sport zu treiben und sich besser zu kleiden. Gereist war er schon immer, seltsame und leichtfertige Reisen an ungastliche Orte, wo er ein bestimmtes Bild oder eine alte Handschrift zu sehen hoffte. Nun begann er – auf seine alten Tage, wie er lächelnd sagte – Orte aufzusuchen, über die er früher die Nase gerümpft hatte. Dabei galt seine Vorliebe dem Süden Spaniens, Frankreichs und Italiens. Sprachbegabt und –kundig wie er war, schien er auf seinen Reisen schnell Bekanntschaft mit Ortsansässigen und auch Touristen zu schließen. Er habe, so sagte er, ja stets sparsam gelebt, so dass er sich – auf seine alten Tage – mehrere Reisen pro Jahr leisten konnte. Dabei war der M noch nicht alt, Ende vierzig, Anfang fünfzig, aber er kokettierte, wenn auch auf sehr dezente Weise, mit der Verschrobenheit eines sehr viel älteren Mannes.

Ob der M eine Geliebte hatte? Verheiratet war er nicht, so viel ist sicher. In jenen letzten beiden Jahren zeigte er jedoch eine gewisse Weichheit, ein stilles Glück, das mich vermuten lässt, dass er geliebt wurde. Er sprach jedoch nicht darüber. Einmal erzählte er von einem Film, den er gesehen hatte und der von einem fliegenden Händler in der Provence handelte. Er verstehe nichts vom Einzelhandel und könne auch nicht besonders gut ein großes Auto fahren, aber so ein Leben, ließ er durchblicken, hätte ihm gefallen können. „Sie, Herr M, würden allerhöchstens mit gebrauchten Büchern handeln, und wer will die heutzutage noch kaufen?“ spöttelte ich. Von mir ließ er sich den Spott gefallen.

Dann kam der Tag, an dem der M in die Kantine ging und nicht wiederkam. Man rätselte, ob man vielleicht eine Nachricht oder Notiz übersehen hatte, die sein unentschuldigtes, nachmittägliches Fehlen hätte erklären können. Man sandte eine Auszubildende in die Kantine, um ihn zu suchen. Als er auch am nächsten Tag nicht auftauchte, wurde dieselbe Auszubildende beauftragt, im halbstündlichen Abstand beim M anzurufen. Ein Kollege erbot sich, nach Dienstschluss beim M vorbeizufahren, an seiner Tür zu klingeln und sich bei den Nachbarn zu erkundigen. Am dritten Tag schließlich verständigte der direkte Vorgesetzte die Polizei. Diese war ebenso bemüht wie erfolglos, was den Aufenthalt des M betraf. Wir erfuhren jedoch, dass der M schon vor Monaten seine Wohnung gekündigt hatte und vor wenigen Tagen ein Möbelwagen vorgefahren sei und den gesamten Besitz des M abtransportiert habe. Von welcher Firma dieser Wagen gekommen war und wohin er das Mobiliar gebracht hatte, ließ sich nicht ermitteln. Einen Tag, bevor der M aus dem Büro verschwunden war, hatte er sich von seinen Vermietern verabschiedet, den Wohnungsschlüssel übergeben, die Kaution entgegengenommen und war allein davongegangen.

Manchmal stelle ich mir den M vor, mit einem Verkaufswagen, so einer fahrenden Würstelbude, nur eben mit Büchern statt Würsten. Da der M wahrscheinlich immer noch nicht ordentlich Auto fahren kann, sitzt seine Geliebte, eine kräftige Provenzalin, am Steuer, und wenn sie auf einem Flohmarkt Halt machen, dann berät der M in seinem langsamen, präzisen Französisch  die Kundschaft. Sein feines graublondes Haar fällt ihm in die Stirn, und die Provenzalin, die Bücher genauso gern hat wie er, aber nicht so gut verkaufen kann, lächelt die Kundschaft an, damit sie wiederkommt. So stelle ich mir das vor. So sollte es sein.

 

23 Gedanken zu „Herr M macht nicht mehr mit.

  1. Wie wunderbar beobachtet. Ich hoffe, der verschwundene Herr M liest mit und lacht sich in seinem Büchermobil ins Fäustchen. (Oder ganz woanders, aber hoffentlich irgendwo dort, wo sein Engagement gewürdigt wird.)

      1. Ach, wie schade. Andererseits hoffe ich, dass irgendwo ein Herr M (oder auch eine Frau M) dadurch den Mut fasst, sein bzw. ihr Büchermobil zu eröffnen …

  2. Wunderbare Geschichte. Und ich finde, dass jede Geschichte einen realen Hintergrund hat. Ich beneide den M um seine Stille Ironie, in der ja auch immer eine gute Portion Renitenz liegt und um seinen Bücherwagen.
    LG von Kari

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