Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)

Eugen Gomringers „Avenidas“ oder: was steht im Text?

14 Kommentare

Ein Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Dichters Eugen Gomringer soll übermalt werden. Dies hatte der ASTA des Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gefordert, weil das Gedicht sexistisch sei. Hier zunächst das Gedicht:

avenidas 

avenidas y flores 

flores

flores y mujeres

avenidas

avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres

y un admirador  

Hierzu die im Internet kursierende Übersetzung (ich weiß nicht, von wem sie ist).

Alleen 

Alleen und Blumen

Blumen

Blumen und Frauen 

Alleen

Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und 

ein Bewunderer

Gomringers Gedicht beschreibt eine – in meinen Augen – friedvolle Szene. Eine Allee, an deren Rändern vielleicht Blumen gepflanzt wurden. Vielleicht stehen da auch Häuser mit blühenden Vorgärten, Balkonen, Blumenkästen… jede_r von uns hat vermutlich seine oder ihre ganz eigene Vorstellung einer von Blumen gezierten Straße. Dann sind da Frauen. Frauen, die einkaufen, die ins Büro eilen, Kinder an der Hand hinter sich herziehen, Blumen verkaufen, Blumensträuße nach Hause tragen… Vielleicht tragen sie sogar geblümte Kleider oder haben sich eine Blüte ins Haar gesteckt. Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was für Alleen, was für Frauen und was für Blumen der Dichter gesehen hat. Sind diese Alleen mit den Blumen und den Frauen in der Schweiz, in Bolivien, in Paris oder ganz woanders? Wir wissen nicht einmal, ob der Dichter selbst der Bewunderer ist oder ob er den Bewunderer beim Bewundern beobachtet hat.

Da, wo ich lebe, da merkt man, dass es Sommer wird, wenn die kleinen alten Damen anfangen, ihre dezent pastellfarben gestreiften Kleider zu tragen. Früher, lange vor dem Beginn der Gentrifizierung, sah man um diese Jahreszeit auch die Roma-Großmütter mit den leuchtenden Kopftüchern an der Bushaltestelle das eine oder andere Zigarettchen rauchen. Die Roma-Großmütter sind weg, die Damen in den feinen Kleidern werden immer weniger. Aber wenn der Sommer kommt, wenn Sie ein schönes Kleid tragen, wenn ein leichter Wind weht, wenn Sie plötzlich ein Blick trifft, oder wenn Ihr Blick an einem oder einer hängen bleibt, fühlen Sie sich dann in jedem Fall belästigt? Sicher, wir alle kennen die Blicke, die sagen „60 Kilo, zum ersten, zum zweiten, zum dritten!“, diese Blicke, mit denen auch ein Metzger ein Rind beurteilen könnte. Aber es ist nicht gesagt, dass der „Bewunderer“ in Gomringers Gedicht so einen Blick hat. Wir kennen seine Gedanken oder Impulse nicht. Natürlich wird alles, was jemand betrachtet, zum Objekt seines Blickes. Ich betrachte einen Baum, ich betrachte einen Mann, ein Gebäude und mache alles, was ich betrachte, für einen Moment zum meinem Gegenstand, um so mehr, wenn ich auch noch darüber schreibe. Für den flüchtigen Augenblick ist es mein. Mehr, glaube ich, passiert in Gomringers Gedicht aber nicht. Der Bewunderer (und er ist im Original wie in der Übersetzung eindeutig männlich) geht nicht auf eine der Frauen zu, er pflückt auch kein Blume, er bewundert lediglich. Das ist seine Tätigkeit und sein Zweck in dem Gedicht, das einen Moment einfängt, mehr nicht.

Mag sein, dass es sich beim Blick des Bewunderers um einen „male gaze“ im Sinne dieses Texts handelt. Mag sein, dass einige oder vielleicht sogar viele ihn so verstehen. Ich will auch den Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule nicht das Recht absprechen, eine Diskussion über die Gestaltung der Wände ihrer Hochschule anzustoßen, eine Entscheidung über ihre Hochschule herbeizuführen und eben auch einen Text abzulehnen, der auf einer Wand des Ortes, an dem sie leben und studieren sollen, geschrieben steht. Ich halte das für ihr gutes Recht. Aber es bleibt ein übler Geschmack im Mund: Kunst ist mitunter auch dazu da, uns das zu zeigen, was wir nicht sehen wollen. Wenn wir alles entfernen, in dunklen Kellern versenken oder gar zerstören, was uns nicht passt, dann sind wir ganz schnell hier.

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen. Der Text, über den da geschrieben wird, ist alles andere als moralisch einwandfrei. Ist er deshalb keine Literatur? Soll man ihn nicht lesen, sondern lieber verbieten und verbrennen?

Ich bin jetzt ein paar Tage nicht da. Die Kommentare sind offen. Bitte bleiben Sie anständig. Ich verlasse mich darauf, dass Ihnen in meiner Abwesenheit keine justiziablen Äußerungen entschlüpfen. 

 

 

 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

14 Kommentare zu “Eugen Gomringers „Avenidas“ oder: was steht im Text?

  1. Mich hatte, als ich von der Diskussion las, doch befremdet, wie ausgerechnet so ein Gedicht ideologisch befrachtet werden kann … Mir bereitet es Unbehagen, wenn Unbeteiligte mit in Konflikte gezogen werden. Noch weniger behagt mir der Reflex des Verbietens; das scheint mir einer Institution, deren Auftrag und Aufgabe das freie Denken ist, unwürdig.
    Hier lese ich einen Blick abseits der Ideologie und eher auf das Überdauernde gerichtet; außerdem gefällt mir Ihre federleichte Interpretation. Danke vielmals.

    Gefällt 4 Personen

  2. Mit denselben Gründen, aus denen das vermeintlich sexistische Avenidas entfernt wird, dürfte erst recht auch Goethes Heideröslein nirgends mehr rezitiert werden und müßte auch schleunigst aus den Schulbüchern verschwinden. (Und jetzt, wo ich das schreibe, kommt mir die böse Ahnung, daß das vielleicht schon irgendwo passiert ist.)

    Gefällt 2 Personen

  3. irrem das Ganze, zumal: das Gedicht steht an der Brandmauer eines normalen
    Wohnhauses, man sieht es vor allem v on der S-Bahntrasse aus.

    Gefällt 1 Person

  4. muss mich korrigieren: ist doch an der Fassade der Hoc Schule selbst. sorry.

    Gefällt 1 Person

  5. Es mutet seltsam an, ein Gedicht aus diesen Gründen zu übermalen. Auch wenn es auf Tafeln an der Wand weiter zu lesen ist.
    Anfangs dachte ich, es müsse sich um etwas wirklich sexistisches halten, dass eine solche Diskussion aufflammt. Jetzt wo ich es kenne, verstehe ich es einfach nicht. Sexismus erkenne ich hier nicht. Und wenn dann einer, der in meine Augen in ein Extrem umschlägt, dass pures Bewundern als etwas Schlechtes darstellt, weil es manchmal zu etwas störendem und schlechten werden kann.
    Ich verstehe es nicht und empfinde es als den Beginn einer Zensur, die zu einer unschönen Entwicklung in der Kunst führen könnte.

    Gefällt 2 Personen

  6. Anscheinend gehen die Mitglieder des AHS-Asta nie ins Museum. Was sie da alles zu sehen bekämen! Viele nackte Frauen, fast immer von Männern gemalt. Und erst die ganzen antiken Sujets: Faune, die Nymphen belästigen, Zeus, der nackte Frauen entführt, Paris mit den drei Göttinen und was nicht alles, male gaze galore. Oder Susanna im Bade (und alte Spanner in Hintergrund), Salome beim Schleiertanz vor ihrem Stiefvater und die Vergewaltigung der Lucretia.

    Wenn sie dieses Gedicht schon „unangenehm an sexuelle Belästigung“ erinnert, dann frage ich mich, wieso die nicht gegen so manche Werbung Sturm laufen.

    Gefällt 1 Person

  7. Ich habe zu dem Thema auch noch Gedanken. Vielen Dank für Ihre wie immer gemessenen Einsichten.
    Die Übersetzung hätte ich mit meinen nicht vorhandenen Spanischkenntnissen ebenso gestaltet. Der Text hat meiner Ansicht nach so wenig Subtext, dass der Interpretationsspielraum offenbar manchen schon wieder zu groß ist.

    Gefällt 3 Personen

  8. Pingback: Vom Ende der Revolution. Oder so. | Carmilla DeWinter

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