Sonntagsspaziergang

Da der Mensch frische Luft braucht, aber manchmal ein wenig lauffaul ist, hat Gott die kleine Friedhofsrunde erfunden. Die drehe ich heute und freue mich, dass ich auch dieses Mal Neues entdecke, obwohl ich doch schon seit über zwanzig Jahren Nachbarin der Toten bin. Die „Schwestern und Frauen K.“, offensichtlich zwei Schwestern, die zwei Brüder heirateten, kannte ich aber schon, auch das ländlich-einfache Kreuz eines Herrn, dessen Name sich von der bayerischen  Bezeichnung  von „Wacholder“ ableitet. Trotzdem freue ich mich, sie wiederzusehen. Der Schnee ist im Begriff, zu schmelzen, es riecht nach Erde und von den Bäumen tröpfelt es. Ganz frühe Frühblüher, wie sie aus anderen Landesteilen gemeldet wurden,  kann ich jedoch noch nicht ausmachen, und so vermute ich, dass zumindest hier noch einmal ein Wintereinbruch kommen wird.

Am Ende des Friedhofs ist eine Kirche, in der ein Organist übt. Die Orgel scheint mir ein wenig schwach auf der Brust, das Musikstück ist mir nicht bekannt, aber wie immer faszinieren mich die unterschiedlichen Stimmen, die ein lebhaftes  Gespräch zu führen scheinen. Katholischer Kirchenmusik scheinen keine mir bekannten Choräle zu Grunde zu liegen, aber das will nichts heißen, denn mit dem Katholizismus und seiner geistlichen Musik kenne ich mich so gut wie gar nicht aus. Nach ein paar Minuten will ich die Kirche verlassen, aber die Musik will noch nicht loslassen, scheint es. Ich werfe eine Münze in den Opferstock, es klappert laut; der Organist macht gerade in diesem Moment eine Viertelpause, und fast fürchte ich, dass sich der Zorn des Musikers ob der Störung  über meinem Haupt entladen wird. Aber nichts geschieht. Später nutze ich eine ganze Pause, um zu verschwinden. Zuvor jedoch rätsele ich, warum die Krippe auch nach Dreikönig noch steht. Später lese ich, dass im katholischen Kirchenjahr die Weihnachtszeit erst am Sonntag nach Dreikönig vorbei ist, aber auch der ist schon vergangen.

Weil ich ganz dringend  ein Buch brauche, und zwar eines auf Papier, mache ich einen Abstecher zur Bahnhofsbuchhandlung. Auf dem Weg gleichgültige Passanten, ich frage mich, ob sie bemerken, was für ein schöner alter Mann der Wirt des Dönerladens geworden ist, oder ob sie die Wandmalerei am Nachbarhaus gesehen haben. Sie zeigt eine Blumenvase, die nach Delfter Porzellan aussieht, aber mit Flugzeugen und Panzern bemalt ist. Wer wohl auf die Idee gekommen ist?

3 Gedanken zu “Sonntagsspaziergang

  1. wildgans schreibt:

    Ein Seh-Mensch ist hier gegangen.
    Wer sieht heutzutage noch genau hin?
    Wer starrt nicht auf sein Dings?
    Lebhaft vorstellen kann ich mir die Umgebung, auch den schönen alten Mann – und das seltsame Delft-Art-Motiv würde ich nur zu gern mal „in Echt“ betrachten können!
    Friedhofsgeschichten, tausend Geschichten.-

  2. arboreetum schreibt:

    Früher endete für Katholiken die Weihnachtszeit erst an Maria Lichtmess, also am 2. Februar. Das haben viele auch nach dem zweiten vatikanischen Konzil beibehalten.

  3. Lakritze schreibt:

    Da hab ich womöglich von draußen in die Bahnhofsbuchhandlung geschaut; ich hatte ein Trostbuch erwogen, mich aber dann erinnert, daß ich ja noch „The Broken Road“ in der Tasche habe.

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