Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)

„Let’s talk about vegs“ oder: Moralinsäure ist kein Gewürz

14 Kommentare

Bei Frau Lakritze habe ich gelesen, dass der Herr Ackerbau  gerne etwas über Gemüse lesen will, aber nur über eine Sorte. Über nur eine Sorte Gemüse zu schreiben, wird mir zu meinem allergrößten Bedauern unmöglich sein, denn hat man jemals einen Gemüsegarten gesehen, in dem nur eine Sorte Gemüse wächst? (Stellen Sie sich den vorigen Satz  im spitzmäuligsten Frankfurterinnenton gesprochen vor.) Außerdem sagt der Herr Ackerbau, Mettwurst sei kein Gemüse, und da hätte mindestens eine Person, die ich kenne, widersprochen. Um jedoch zumindest guten Willen zu zeigen, hier das Bild zur Blogaktion: 

Und nun der zu nächtlicher Stunde schnell zusammengehauene Gemüse-Text: 

Wurst und Fleisch sind das schönste Gemüse, pflegte mein Großonkel, der das Leben und vor allem das Essen liebte,  zu sagen. Dieser Ausspruch fand meine volle Zustimmung, als ich noch ein Kind war. Das ist nicht verwunderlich, denn da, wo ich aufgewachsen bin, kocht man Gemüse in Salzwasser, bis es mausetot ist. Gemüse sei gesund, sagte man mir, aber das wusste ich mit fünf Jahren nicht zu schätzen, und so würgte ich am Spinat, bis ich das Gefühl hatte, er käme mir zu den Ohren heraus. Erst spät im Leben habe ich angefangen, mich für Gemüse zu begeistern. Schuld daran sind vermutlich  ost- oder südeuropäische Gerichte mit ihren Farben und Gewürzen. Paprika, Tomaten, Zucchini, Auberginen, frische oder getrocknete Kräuter als Abrundung und Kontrapunkt, geschmort und nicht gekocht – das unterschied sich deutlich von den Erbsen und Möhren meiner Kindheit. Fenchelgemüse lernte ich während eines Schüleraustauschs in Mailand kennen; eine italienisch-spanisch-algerischstämmige Gastmutter in La Rochelle zelebrierte Gemüse-Reis-Variationen als Feste aus Farben und Texturen. Die Küche spanischer Gitanos lehrte mich Eintöpfe mit Hülsenfrüchten lieben. Dass man mit Gemüse eine pikante Tarte belegen oder Blätterteig füllen kann, muss einem, wenn man der Erbsen-und-Möhren-in-Salzwasser-Kultur entstammt, erst einmal gesagt werden. Mit Schafskäse und Tomaten wird sogar Spinat erträglich. Rosenkohl esse ich am liebsten pur, ohne Beilage, nicht zu lange gekocht, etwas knackig und ein bisschen bitter muss er noch sein, sonst wird er mir  schnell zu fad. Überhaupt halte ich nichts davon, Gemüse totzukochen. Gemüse muss auf dem Teller leuchten, auf der Zunge singen und den Zähnen etwas entgegensetzen. „Aus der Hand“ knabbere ich rohe Karotten – meine Oma sagte „Gelberüben“ – oder Gurken, es darf nur niemand vorbeikommen und sagen, das wäre „Rohkost“, denn mit dem, was hierzulande in Mensen, Kantinen und Restaurants als Rohkost serviert wird,  könnten Sie mich  bis zu den Antipoden jagen, aber bestimmt habe die Antipoden auch Rohkost, so dass mir das Weglaufen gar nichts nützen würde. Sagen Sie mir bitte auch nicht, Gemüse sei gesund und mache schlank. Das mag ja sein, aber ich mag das nicht hören, sonst schmeckt mir das ganze schöne Gemüse nur noch nach Moralinsäure. Wenn man aber die Moralinsäure weglässt, dann ist Gemüse eigentlich sehr viel sinnlicher und raffinierter als jedes Stück Fleisch.

(Wenn ich Gelberüben esse, muss ich übrigens an Friedrich Stoltze und das hugenottische Friedrichsdorf im Hochtaunus denken:

„Hélas, Martin! Hélas, Martin!
Chassez le Gickel aus dem jardin!
Il verkratzt mer, häst tu le Steuwe!
Toutes les nouveaux gehle Reuwe!“

Aber das ist eine andere Geschichte, für eine andere Nacht.)

 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

14 Kommentare zu “„Let’s talk about vegs“ oder: Moralinsäure ist kein Gewürz

  1. Wunderbar! Und dann noch Stoltze am End. Herrlisch!

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  2. Perfekt! Da könnte ich fast nach jedem Satz „Ja“ schreien!
    Vielen Dank für’s Mitmachen (und an die Regeln hält sich bei meinen Blogaktionen ohnhin niemand, das passt schon)!

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  3. Oh! Hübsch. Ich kenne ja dt.-frz. Durcheinander, aber so dann doch nicht. Steuwe: der Grimm kennt „stüben“ für „Hühner aufscheuchen“; vielleicht ist es das?

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  4. (Korrigiere: man jagt die Hühner, und sie stüben. So rum.) Außerdem finde ich: Gemüse ist schwierig. Ohne Salz, Zucker und orntlich Fett zubereitet kann man’s in den meisten Fällen kompostieren.

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  5. Sehr schön geschrieben und inhaltlich sehr einverstanden, so fängt ein Montag gut an. Zu Spinat möchte ich nur noch eine weitere Möglichkeit vorschlagen: Blattspinat in der Pfanne schnell sautieren, mit gerösteten Pinienkernen und Rosinen. Die Rosinen kann man in einem süßen Wein (Muskadet, Marsala, Málaga…) entweder einlegen oder kurz aufkochen, die Pinienkerne am besten kurz ohne Fett anrösten und zum Schluss untermischen. Salz ist wichtig, Pfeffer passt, eine Prise Muskat geht auch. Ich glaube, das hätte mir sogar als Kind geschmeckt, statt dieser TK Pampe mit Spiegelei drauf.

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  6. Nun bin ich etwas jünger als Sie und meine Mutter war zu dem Zeitpunkt, an dem sie mich verköstigen musste, recht weit gereist, nach Griechenland, Italien und an allerlei andere Orte, daher musste ich an ihrem Gemüse nie verzweifeln. (Nur am Rosenkohl, aber das ist eine nicht zu begründende persönliche Abneigung, genau wie Rote Bete.) Deswegen: Warum manche Vegetarier*innen sich lieber veganes Schnitzel kaufen, anstatt aus Bohnen, Linsen oder Kichererbsen und Gemüse was Hübsches zu kochen, verstehe ich bis heute nicht so richtig.

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    • Ja, das mit dem veganen Schnitzel habe ich auch nie verstanden. Meine Mutter ist übrigens in späteren Jahren eine sehr experimentierfreudige Köchin und Esserin geworden. Was den Rosenkohl betrifft: da sind Sie wohl nicht allein, Es ist ohnehin seltsam mit den Vorlieben und Abneigungen: mir wird übel vom Geruch von Zimt. Außer bei Zimtsternen finde ich ihn unerträglich.

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