Der Garten ohne uns

Der Garten ist wieder geöffnet, aber nur ein kleiner Teil ist Besuchern zugänglich. Zwei Damen gärtnern, ein Paar in meinem Alter klettert über Steine ans andere Ufer des Bachs und ein weißhaariger Mann sitzt auf der Wiese und liest.

Um ein Rondell mit Holzbänken blühen Glyzinien. Jemand hat eine orangefarbene, runde Scheibe mit einem Loch in der Mitte in die Glyzinien gehängt. Vögel singen.

Ich setze mich auf einen großen Stein am Bachufer und schaue den Kräuseln an der Wasseroberfläche nach. Zwei Singdrosseln (?), eine Amsel und ein Buchfink lassen sich kaum stören. Stockenten schwimmen majestätisch vorbei. Bilde ich mir ein, dass sie mich missbilligend betrachten? Garten und Bach hatten sie ja nun lange für sich allein.

Das schöne Haus neben dem Garten ist fertig und eingerichtet. Im länglichen Anbau, der mir so gut gefällt, befinden sich  Küche und Esszimmer. Erst zu Hause fällt mir auf, dass ich vergessen habe, mich nach dem geschnitzten Holzrahmen umzusehen, der früher eines der Seitenfenster schmückte. Er würde nicht zum neuen Stil des Gebäudes passen. Dafür hat jemand eine Leiter montiert, über die man vom Dach des Anbaus zu einem der Fenster im ersten Stock klettern könnte. Die Wäsche der rumänischen Bauarbeiter flattert nicht mehr auf der Leine. Auch der lange Holztisch ist weg, an dem die Arbeiter im letzten Sommer ihre Mittagspause verbrachten.

Das Meer ohne uns

Meine Oma ist in ihren 79 Lebensjahren vielleicht ein- oder zweimal am Meer gewesen. Im Theater war sie wohl etwas öfter, bestimmt auch das eine oder andere Mal im Konzert. Ansonsten hatte sie zu viel Arbeit, zu wenig Geld und vermutlich auch sehr viel Mühe, vom Dorf aus zu den genannten Orten zu kommen.

Ich werde dieses Jahr nicht ans Meer fahren. So ist das mitunter, man bekommt nicht das, was man gerne hätte. Überhaupt führe ich ein Leben, das dem meiner Oma ähnelt: ich schaue, was die Erdbeeren machen, ich pflege meine Kräuter,  ich arbeite,  ich halte meinen Haushalt in Ordnung, putze, wasche, koche und lese.

Man muss wohl bedenken, dass die vermeintliche oder tatsächliche Enge, über die wir gerade so gerne jammern, vor zwei Generationen für viele Menschen die Normalität war. Wir hingegen sind unendlich privilegiert und viele von uns – ich sage bewusst nicht: wir alle – jammern auf einem vergleichsweise hohen Niveau.

Nix für ungut.

 

Spazieren

 (Eigentlich hatte ich diesen Text hierfür geschrieben, aber ich mochte dann doch nicht teilnehmen.)

Es ist ja kein Flanieren, kein entspanntes Gehen, wobei man mit mildem Interesse die Signale der Außenwelt aufnimmt. Denn was sind  derzeit die Signale der Außenwelt? Maske, Abstand, Vorsicht.

Es ist das, was in Jane Austens Romanen „exercise“ genannt wird und bedeutet, dass die Heldin vom Arzt den Rat bekommen hat, sich an der frischen Luft zu bewegen. Die meist auf dem Land lebende Heldin bewegt sich also, über Stock und Stein, bei Wind und Wetter, und kommt mit zerissenem Rocksaum und kleinen, abgebrochenen Zweigen in der Frisur nach Hause. Die Stadt aber ist eng und bevölkert, meine Lieblingsgärten geschlossen, und so drehe ich meine Runden frühmorgens oder zur Mittagessenszeit auf Friedhöfen.

Auf den Friedhöfen tobt das Leben: Aurora- und Zitronenfalter, schwarze und rote Eichhörnchen, Meisen, Krähen, Bienen, sogar Enten und die eine oder andere Katze. Der Flieder blüht, Kastanien und auch der stinkende Bärlauch. Die Gräber sind frühlingshaft bepflanzt, wie dem Tod zum Trotz, aber Blüten sind wohl das Vergänglichste, was man sich vorstellen kann. Kerzen werden angezündet, sozusagen außer der Reihe, denn es ist kein Feiertag und der Verstorbene hat auch nicht Geburtstag. Kerzen wie die vor dem Bild des heiligen Antonius, das am Eingang zur Kirche hängt, in der wieder Gottesdienste stattfinden, wie die zur Füßen des gusseisernen Christus auf einem anderen Friedhof. Als ob man die Toten bitten wollte, die Lebenden zu beschützen.

Der Flieder blüht, und ich denke an einen, von dem ich ein Lied über Flieder lernte und dass der Flieder anderswo lilas heißt. Das Anderswo kann ich jetzt nicht besuchen, und seine Sprache fehlt mir. Auf den Flieder freue ich mich jedes Jahr, und wie jedes Jahr suche ich den Duft des dunkelvioletten, der im Garten meiner Eltern stand. Wie jedes Jahr finde ich ihn nicht. Wie jedes Jahr finde ich andere, deren Duft  dem des einen ähneln, aber nicht gleichen. Aber etwas ist dieses Jahr anders: die Knospen welken, bevor sie aufgeblüht sind. Und auch der Wind ist anders, er lockt nicht und  ruft mich nicht auf die Landstraße. Der Wind spottet: ich geh‘ aus und du bleibst da.

 

„Posso cambiare una testa, non tutte le teste.“ (Lara Cardella)

Ich schreibe nicht über das Kriegsende, das können andere besser. Was ich denke, behalte ich für mich. Ich mag weder staatstragend ausgesprochene große Worte hören, noch selbst Worte verlieren, weder große noch kleine.

Ich schreibe nicht darüber, wer in Deutschland mühelos an einen Corona-Test kommt und wer nicht.

Ich schreibe nicht darüber, wer auf der Flucht ertrinkt und warum.

Ich bin so müde.

Ich verabscheue mich selbst, weil ich nichts sage und wenig tue.

„Ich kann einen Kopf verändern, nicht alle.“ sagte Lara Cardella. Für sie hat sich übrigens auch das als Illusion erwiesen.

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Da Sie sich zuletzt sehr für meine Pfefferminze interessierten: sie ist einem Schädling zum Opfer gefallen.

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Meine Mutter erzählt, dass mein Großvater nicht beim Schlachten helfen konnte. Das habe meine Großmutter getan, die die Tiere am Ende nicht allein lassen wollte. Man habe damals in der Familie nur Schwein und Geflügel gegessen, Rinder dienten ausschließlich der Milchproduktion und wurden verkauft, wenn sie nicht mehr genug Milch gaben. Die letzte Kuh aber sei auf dem Hof geschlachtet worden; meine Großmutter sei dabei dem Schlachter zur Hand gegangen.

 

 

Anderswo

„Gott sei Dank, dann gibt es Frieden!“ soll Marianne Grunthal gesagt haben, als sie die Nachricht von Hitlers Tod erfuhr. Dafür wurde sie am 02.05.1945 gehängt.

Schwesterfraudoktor über Infektionen.

Joan Didion über Tagebücher.

Der Emil über Briefe.

Kriegsende im Tegernseer Tal. Juna macht sich Gedanken. (Ja, die beiden Artikel gehören in meinem Kopf zusammen. Sie werden schon sehen, warum.)

 

Mein Beileid.   Alles Gute.   Geht es Ihnen gut?

Dürre Worte, die ich Menschen schreibe, die ich nicht sehr gut kenne. Die ich nur durchs Bloggen kenne, soweit man Menschen durchs Bloggen überhaupt kennen kann. Und immer das Gefühl, zu wenig zu geben, bei gleichzeitiger Angst, mich noch einmal in einem Menschen zu täuschen und fast zu verlieren. Aber das ist die Realität: die meisten von uns kennen einander zu wenig, unverbindliche Freundlichkeit ist in in vielen Fällen alles, was möglich oder passend erscheint. Die Menschen hinter den Texten sind wahrscheinlich völlig anders als ich sie mir vorstelle. Meine Texte, Ihre Texte sind tastende Hände, die wir bei Nacht und Nebel ausstrecken. Manchmal ergreift eine Hand eine andere, für die Dauer eines Kommentars. Das ist in Ordnung, jedenfalls für mich. Mehr muss normalerweise nicht sein. Was nicht heißt, dass die Sätze oben nicht ehrlich gemeint wären. Ich hänge ja doch sehr an meinen Blognachbar_inne_n.

Beim Bloggen erlaube ich mir eine gewisse Leichtfertigkeit, die ich mir sonst im Leben selten gestatte. Nehmen Sie deshalb bitte alles, was Sie hier lesen, cum grano salis. Dass mein Blog irgendjemandem außer mir selbst etwas geben könnte, ist eine Illusion, an die ich keine Zeit verschwende.

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Die Straße hinunter ins benachbarte Viertel, durch Grünanlagen, am Bach entlang. Einzelgänger, Familien mit Kindern; zwei junge Männer putzen die Scheiben eines Tattoo-Ladens. Plötzlich gibt es überall Blumen, aber mein Balkon ist versorgt. Höchstens, dass ich demnächst Pfefferminze pflanzen muss, meine kümmert vor sich hin. Der behinderte Sohn der syrischen Familie aus dem Viertel schreit. Der Vater versucht sehr liebevoll, ihn zu beruhigen. Ein Mann zieht den Mundschutz vom Gesicht und spuckt auf die Straße. Nach dem längeren Spaziergang, nötig wegen Rückenschmerzen und allgemeinen Lagerkollers, schlafe ich ein paar Stunden sehr gut. Mein Schlafrhythmus scheint durcheinander zu sein, aber wenigstens schlafe ich wieder. Das war auch einmal anders. Der Urlaubstag hat jedenfalls gut getan.

Zu Hause finde ich einen Stoff wieder, aus dem ich weitere Mundschutze nähen kann. Wenn ich bald wieder ins Büro muss, wo teilweise Mundschutzpflicht herrscht, werde ich noch  welche brauchen. (Ja, ich weiß, dass es Mund-Nasenschutz heißt. Das Wort ist mir aber zu lang, um es ständig zu gebrauchen. Sie wissen ja, was ich meine.)

 

 

Auf dem Weg zum Einkaufen, aber noch im dunklen Hausflur, begegne ich (bereits maskiert) meinem ebenfalls maskierten Nachbarn. Wir beide zucken merklich zusammen ob der etwas unheimlichen Situation. Eine andere Nachbarin erkennt mich mit Maske gar nicht und siezt mich, obwohl wir uns sonst duzen.

Ich frage die Kassiererin, ob sie ein schönes Wochende hatte. Ja, sagt sie, aber ab Sonntagmittag ist es doch immer wieder schrecklich, weil man an die Arbeit denkt.

Neue Büroquerelen zeichnen sich am Horizont ab. Ich ziehe mit freundlichem Lächeln wieder einmal Stacheldraht um mich. Präzise Fragen erhalten präzise Antworten. Wer fragt, ist selbst schuld. Ich schwöre mir zum xten Mal, in Telefonkonferenzen nichts mehr zu sagen.

Gibt es etwas Trostloseres als unnütz herumliegende Tanzschuhe?

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