Nichts zu vermelden

außer diesem:

Der Frühling sieht aus, als erfreue er sich an der eigenen Schönheit. Mitten in diesen Frühling fragt jemand: würden sie? , und in mir krampft sich etwas zusammen, weil ich fürchte, die Frage ist berechtigt, und auch, weil da jetzt jemand ist, der jedes Recht hätte, mir diese Frage zu stellen.

Das Fahrradtürchen und andere Unbill

Seit einigen Tagen ist das Fahrradtürchen auch tagsüber geschlossen. Bisher war es bis ungefähr 22 Uhr offen, weil es für die Radler_innen im Hause unpraktisch ist, es jedes Mal auf- und zuzusperren, wozu sie jeweils vom Rad absteigen müssen. Wer um oder nach 22 Uhr nach Hause kam, zog  das Türchen hinter sich zu, alle anderen ließen es einfach offen. Skandalöser Schlendrian. Unordnung und (nicht nur frühes) Leid. Tatsächlich hatte ich angenommen, jemand schlösse neuerdings das Fahrradtürchen wegen der im Hof spielenden Nachbarskinder. Aber nichts ist je, wie es scheint.

Fahrradständer gibt es im Hof, jedoch ist der größte offensichtlich für die Rennradler reserviert. Als ich mich einmal mangels anderer Möglichkeiten erdreistete, mein Alte-Tanten-Rad dort abzustellen, wurde es in die Ecke gestellt. Ein anderer bietet nicht genug Platz für mein zugegebenermaßen etwas ungeschlachtes Rad, ein dritter ist gleich neben der Anlieferfläche des benachbarten Lebensmittelhandels, so dass der Weg zum Fahrradständer mir morgens regelmäßig durch einen LKW verstellt ist. Hinein kommt man, nur das Wiederhinausschlängeln mitsamt Fahrrad ist schwierig, was lästig werden kann, wenn man schnell im Büro sein will.

In den letzten Tagen habe ich mein Fahrrad also neben einem Blumenkasten abgestellt, wobei ich peinlich genau darauf achtete, niemanden zu behindern. Der neue Stellplatz wurde mir am Sonntag verwehrt, und zwar nicht vom Hausmeister, sondern von einem Nachbarn, der mich stolz informierte, dass er ab dem nächsten Monatsanfang den Dienst des Hausherrn, äh,  Hausmeisters versehen werde. Dann schloss er demonstrativ das Fahrradtürchen ab. Ist das nicht ein bewundernswerter Arbeitseifer? Noch nicht einmal den Dienst hat er angetreten, aber schon erfüllt er seine Aufsichts- und Fahrradtürchenschließerspflichten? Ich habe deshalb auch sofort die Blumen auf dem Balkon in Reih und Glied antreten lassen.

Mein Fahrrad steht nun übrigens an der Straße. So lange es ihm erlaubt ist. Denn sicher gibt es ein Bayerisches Fahrradabstellgesetz, welches regelt, dass giftgrüne Fahrräder am helllichten Tage in dunklen Hinterhöfen zu verwahren sind.

Trübe Gedanken

Beim Regale abstauben wiedergefunden: Waltraud Lewin, Herr Lucius und sein Schwarzer Schwan.

„Ihre Hausfrauenehre war erwacht, versteht ihr. Vielleicht war sie eine Bauern- oder Fischerstochter, die nun ein einziges Mal in ihrem armen Dasein in Rom das tun konnte, was ihre Mutter sie einst liebevoll gelehrt hatte.“

Ich kann mich nicht erinnern, dass die Altbäuerin mich irgendeine Haushaltsfertigkeit „liebevoll gelehrt“ hätte. Es gab zwei mögliche Abläufe:

  1. Befehl – Bemühung – Erfolg – nichts
  2. Befehl – Bemühung – Misserfolg – Beschimpfung / Ohrfeigen

„Bitte“ und „danke“ sagt sie bis heute nur selten. Also, nicht zu mir. Anderen gegenüber schon.

Ich war schon sehr erwachsen, als mir klar wurde, dass Familienleben auch anders geht. Und da wundern Sie sich, dass ich keine Kinder in die Welt setzen wollte?

Kommentare sind geschlossen. Ich will nichts hören.

(Außerdem stelle ich für jetzt und für die Zukunft eine Regel auf – die ich hoffentlich gegenüber anderen Blogger_innen auch befolgen werde : was im Blog steht, soll im Blog bleiben. Was Sie mir per E-Mail schreiben, bleibt unter uns. Aber wenn ich zu einem Beitrag keine Kommentare will, dann will ich auch keine Mail dazu.)

Samstagslinks / los enlaces del sábado

Man wirft Künstlern mitunter vor, dass sie in Ländern, in denen ein Diktator herrscht, auftreten. Auf diese Weise, so sagt man, machten sich die Künstler mit dem Diktator gemein. Der Schauspieler und Blogger Carlos Olalla über das Erwachsenwerden in einer Diktatur und die Sehnsucht nach einer Musik, die Freiheit und eine bessere Welt zu versprechen schien: Françoise Hardy (spanisch).

Eine Überlebensgemeinschaft. Ungleiches gesellt sich gern.

Ich mag eine Katastrophenschülerin gewesen sein, aber es gibt auch Katastrophenlehrer_innen. Außerdem: menschliche Abgründe.

Mafiapaten können keine Taufpaten sein, und Bilder zerstört man nicht.

Sie erinnern sich an o sarracino, den Sarazenen, aus der letzten Ausgabe? Das passiert, wenn so ein Sarazene gerne mit seiner Angebeteten allein wäre.

 

 

 

Schuhe gendern

„Dabei macht ich so große Augen, daß der preußische Hoflakai gewiß seine Verwunderung wird gehabt haben über den besondern Schlag Madamen aus der freien Reichsstadt Frankfurt.“  (Bettine von Arnim, Die Frau Rat erzählt von der Fahrt ins Kirschenwäldchen)

Es soll Frauen geben, denen es ein Vergnügen ist, Schuhe zu kaufen. Manche kaufen angeblich sogar gerne Kleidung. Ich aber habe nicht nur eine entschieden rustikale Figur sondern lebe dazu, wie auch die geschätzte Demoiselle ReadOn, auf großem Fuße. Das macht den Schuh- und Kleiderkauf nicht gerade einfach.

Sie werden deshalb verstehen, dass ich meine Hosen trage, bis sie mir in Fetzen vom Hintern fallen,  und immer nur drei Paar Schuhe auf einmal besitze: eines für den Winter, eines für den Sommer, und eines für die Übergangszeit. Das Übergangspaar war so lädiert – beyond repair – dass Ersatz schon aus Gründen der Selbstachtung dringend notwendig war.

Im Lieblingsschuhgeschäft, dem mit den Nonnenschuhen, wurde ich erstmals nicht fündig. Ein anderes, dass immer für schlichte Ware ohne Schleifchen und Schnörkel bekannt war, scheint sein Sortiment dem hiesigen Hang zu Kitsch und Protz angepasst zu haben. Noch eins, dachte ich, dann gehe ich nach Hause und verbringe den Rest des Jahres in Gummistiefeln. Aber ach, auch dort grassierten die Schleifchen und Schnörkel. Ich bin zwar die mit den Punkten und den Blumen auf Regenschirm, Kleidern und Blusen, aber bei Schuhen und Hosen mag ich es schlicht. Da die Verkäuferin nicht sehr gestresst, aber   angenehm ältlich erschien, bat ich darum, auch Herrenschuhe sehen zu dürfen. Mit einem derartigen Ansinnen katapultiert man sich hierorts direkt in die Kategorie „komische Alte“, aber damit kann ich leben. Damit und mit dem erstaunt-missbilligendem Blick der Verkäuferin, den ich tapfer niederlächelte*.

Zu meinem Glück passte gleich das erste Paar, war bürotauglich und nicht übermäßig spießig. Ich finde ja diese Unterteilung in Damen und Herren bei Schuhen ziemlich idiotisch. Füße sind einfach Füße, groß, klein, breit, zierlich, sie laufen, sie baumeln, sie tanzen. Oder auch nicht. Aber sind Füße wirklich männlich oder weiblich? (Sie können jetzt sagen, dass so eine Frage nur eine Frau stellen kann, die hohe Absätze nur von ihren Tanzschuhen kennt, und Sie hätten Recht. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es eindeutig männliche Schuhe nicht gibt.)

*“Man muss seine Zuflucht nehmen zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten.“ (wie oben)

Twitteria

Ein kurzes Gespräch zwischen zwei Bloggern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, was Herkunft und Haltung betrifft, die aber dennoch miteinander auskommen.

Alle Maskus:  Der Emanze hat er’s aber gegeben!

Alle Feministinnen: Wieso redet die überhaupt mit dem?

Le monde est cinglé.

Renitenz

Der Hang zur Renitenz liegt, was mich betrifft,  erstens in der Familie und manifestierte sich zweitens bereits in der Grundschule.

Ich glaube, ich habe schon erwähnt, dass ich nicht singen kann. Ich würde gerne, aber ich kann es einfach nicht. Das ist bei mir wie mit dem Rauchen: ich habe es in jungen Jahren  ernsthaft versucht, aber ohne Erfolg.

Wie gesagt, die Renitenz zeigte sich erstmals im Grundschulalter, in der dritten Klasse, glaube ich. Da sollten wir im Musikunterricht, der von Frau G, die scheinbar ein Lineal verschluckt hatte, erteilt wurde, zur Feststellung der Jahresnote einzeln vorsingen. Die meisten Mädchen sangen: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, die Jungen wählten überwiegend das Lied vom Männlein, das im Walde stand, und einer – ich glaube gar, es war der Junge, der nicht cool war – sang „Alle meine Entchen“. Vizeklassenkönig V beeindruckte die gefürchtete  Frau G mit schwarzen Locken, Rehaugen und einem spanischen Volkslied. Sie schmolz dahin. (Was wollen Sie? Selbst ich war drei Tage, drei Stunden oder drei Minuten meines Lebens in V verliebt.) Da ich wusste, dass meine Gesangstimme bestenfalls einem rostigen Blecheimer und schlimmstenfalls dem Quietschen einer ungeölten Tür ähnelte, beschloss ich, weniger durch Gesangskunst als durch Repertoire zu beeindrucken. Wobei zu bemerken wäre, dass ich mein durchaus beachtliches Repertoire den Onkeln zu verdanken hatte. Nein, ich sang nicht das Haarmann-Lied, ich sang „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord.“. Diese Entscheidung war durchaus zweifelhaft, aber das wusste ich damals noch nicht. Die Lehrerin G jedenfalls gab mir eine schwache Drei – die übliche Strafe für nicht eindeutig nachweisbare Renitenz – und kommentierte: Das ist aber kein schönes Lied. „So schön wie Es klappert die Mühle ist das schon lange!“ beschwerte ich mich und bekam einen Eintrag ins Klassenbuch, als erstes Mädchen meiner Klasse. Damit war mir der Weg einer  Revoluzzerin vorgezeichnet. Von Stund an hassten mich die meisten Lehrer, und ich lernte, Fakten zu prüfen, bevor ich mich mit Autoritätspersonen anlegte, denn das ist überlebenswichtig, wenn man einmal im Geruch der Renitenz steht.

Nachtrag: auch Frau Lakritze hat ihre Erfahrungen mit dem Musikunterricht in der Grundschule.

 

 

Samstagslinks / los enlaces del sábado

„12 von 12“ mag ich eigentlich nicht, oder sagen wir lieber: es tangiert mich nicht, aber die Sammlung der Fledermama hat mir doch sehr gut gefallen.

Ich gehe ja so gut wie nie  zum Friseur (ja, lange Haare und Gouvernantenknoten sind in der Hinsicht praktisch), aber Mitzi Irsaj schon.

Schule, Lernen und Statistik in Afghanistan.

Eine Südtiroler Sprachbiografie. Interessant und seinerzeit von Südtiroler Kommilitoninnen in Triest ebenso dargestellt: „Das Zusammenleben in Südtirol zwischen zwei Kulturen heißt längst nicht, dass Südtiroler zweisprachig sind.“ Meine Kommilitoninnen waren damals sehr für rein deutschsprachige Schulen (mit Italienisch als Hauptfach), da ihnen solche Schulen notwendig für die Bewahrung ihrer Kultur erschienen.

Sie haben es wieder getan: Gitanas aus El Vacie, einem Elendsviertel in Sevilla, spielen erneut einen Klassiker (spanisch).

Trump, Literatur und Feminismus: Margaret Atwood.  Noch mehr Feminismus: Merle Stöver.

Ich hege eine heimliche Liebe zum neapolitanischen Liedgut: Renato Carosone, O Sarracino. O Sarracino, der Sarazene, erinnert mich  doch immer sehr an einen entfernteren Blognachbarn, den ich nicht nennen will… (Carosone und Nisa sind übrigens auch die Autoren von „Tu vuo‘ fare l’americano“, aber das können Sie  selbst auf YouTube suchen, das verlinke ich nicht. Obwohl es – ohne Sophia Loren – eigentlich sehr amüsant ist.)

 

Caritas

„Sind Sie nüchtern? Nüchtern geht das besser!“ tönt die Frau neben mir. „Würden Sie jetzt bitte einfach den Mund halten?“ rutscht es mir heraus. Seit mehreren Minuten kämpfe ich mit dem nicht sehr gut funktionierenden Touchscreen eines früh gealterten Fahrkartenautomaten.  Ich habe die Dame, die schon genauso lange auf mich einredet, schon mehr als einmal gebeten, mich in Ruhe zu lassen. Konversation ist schön und gut, aber im Moment passt es leider gar nicht. Ich bin müde, mir ist schlecht, und da ist dieser verflixte Touchscreen. Außerdem mag ich es nicht, wenn man mir über die Schulter schaut und sich allzu sehr für mein Fahrtziel interessiert. Ich bin in diesem Punkt altmodisch und erwarte ein wenig Diskretion von meinen Mitmenschen. Schließlich könnte ich zu meinem heimlichen Geliebten fahren, und ich möchte nicht, dass alle Welt weiß, wo der wohnt.

„Aha, so geht also Nächstenliebe! Gut, dass Sie es mir gezeigt haben!“ schreit die Dame und zeigt mir ihrerseits den Finger.

Nun bin ich verwirrt: Hält die Dame es für einen Akt der Nächstenliebe, wenn sie mich mit unerwünschter Konversation beim Fahrkartenkauf stört? Oder hätte ich Nächstenliebe beweisen müssen, indem ich auf ihr Geplapper eingehe? Und ist nicht akzeptierte „Nächstenliebe“ ein Grund für eine derart vulgäre Geste? Die Welt ist mir mitunter ein Rätsel.