16. Woche – Semana Santa

Ein Herr in einem lila Samtjackett trägt Glas zur Recyclingtonne.  Ich pflanze eine Bartnelke und ein Tagetespflänzchen  in Töpfe auf dem Balkon. Zu spät fällt mir ein, dass ich ja auch Blumenerde kaufen wollte. Getan habe ich es aber nicht.  Also schütte ich Reste aus den Töpfen des letzten Jahrs zusammen und erinnere mich an eine meiner Großtanten, die Kaffeesatz und Eierschalen unter den Kompost mischte. Kaffeesatz und Eierschalen sind noch vorhanden. Ich verteile eine dünne Schicht von beidem unten in den Töpfen und hoffe, dass das so auch funktionieren wird. Dann hänge ich ausgeblasene und bemalte Ostereier in den Lavendel und lege je ein Blech-Ei in die Zitronenmelisse, unter die Dattelpalme und unter die Johannisbeere. Im Blumenkasten sprießt, was vom vergangenen Jahr übrig geblieben ist. Der Koriander streckt winzige Keimlingsspitzchen aus der Erde.

Mit dem Freund, der kein Freund ist, rede ich über eine dumme Geschichte und über Hefeteig. Diese kleinen Gespräche mag ich sehr.

Ich wasche Wäsche und Kleidung, die ich für die Reise brauche. Ich besitze ja nur noch das Allernötigste, deshalb muss ich gut planen, denn nach meiner kleinen Reise muss ich gleich wieder ins Büro, und auch da kann ich nicht ohne Hosen hingehen.

Noch einmal gehe ich auf den Ostfriedhof und finde ein Grab, auf dem stehen ein Todesdatum, ein fiktives Geburtsdatum (01.01.1900) und ansonsten nur „Männlich, unbekannt“. Jemand hat eine Kerze auf das Grab gestellt. Mir fallen viele sehr schlichte Gräber auf, die offensichtlich nicht gepflegt werden. Viele Männer mit türkischen oder slawischen Namen liegen da. Hinweise auf Hinterbliebene gibt es nicht. Vom Alter her könnten sie zu den ersten „Gastarbeitern“ gehören.  Manche Gräber tragen Zeichen, die mit der Religion des Verstorbenen zu tun haben. Manchmal markiert auch nur ein zurechtgesägtes Brett mit einer Metallplakette das Grab.

Wenn ich mit dem Bus fahre, klappe ich das Buch zu. Ich sehe müde Nonnen und Bauarbeiter an der Bushaltestelle, den Fluss unter der Brücke, die Bäume rechts und links der Fahrbahn und zuletzt die Kirche auf dem Hügel. Dann ist die erste Etappe der Fahrt ins Büro vorbei und ich steige in den Abgrund. Quer über der Treppe liegt ein dicker, mit leuchtend gelben Kegeln markierter Schlauch. Ein freundlicher Herr warnt die Passanten abwechselnd mit „Achtung, Vorsicht!“ und „Vorsicht, Achtung!“, beides mit einem charmanten polnischen Akzent. Im Abgrund selbst, also in der U-Bahn, gibt es nicht viel zu sehen, da lese ich wieder.

Diese Woche lese ich: Joanne Harris, The Strawberry Thief

Gefunden habe ich einen Text von Debora über die Narrative unserer Familien.

Ein Fuhrmann bringt Weizen nach Linares, ein Händler Schmuck aus El-Araish (Larache) und Carmela tanzt in Seidenstrümpfen, aber das ist nicht alles: Carmen Linares, Tangos de Granada.

Und Notre-Dame hat gebrannt.

 

Karfreitag

Sollen sie spenden, denke ich, sollen sie doch Millionen für Nôtre Dame spenden. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel kommt. Wie einige anmerkten, ist es bedauerlich, dass die Bereitschaft, für ein Gebäude zu spenden, stärker entwickelt zu sein scheint als die Solidarität mit den Armen und den Verfolgten. 

Natürlich ist Nôtre Dame restaurierungswürdig und erhaltenswert, und natürlich vergleicht man Äpfel mit Birnen, wenn man eine Kathedrale und die Toten des Mittelmeers – die nicht zuletzt durch unsere (Mit-)Schuld tot sind –  nebeneinander stellt.

Es ist  auch bestimmt viel mehr als nur eine schöne Geste, Millionen für den Wiederaufbau einer Kathedrale zu spenden. Ich will das nicht klein reden, und auch die 20 oder 50 Euro, die der Normalbürger dafür spendet, sind sicher gut angelegt. Man wird sie wohl auch in der Steuererklärung geltend machen können. Aber man darf sich sicherlich nicht der Täuschung hingeben, die Milliardäre spendeten, weil ihnen etwas an ihren Nächsten läge. Eine Spende für eine Organisation, die Flüchtlingen hilft, hat nicht dasselbe Prestige wie eine Spende für den Wiederaufbau einer Kathedrale. 

Über meine drei katholischen Großtanten wurde erzählt, sie hätten zu dritt nur Anspruch auf zwei Plätze im Himmel. Dies führte dazu, so die Familienlegende, dass sie sich gegenseitig mit Spenden und guten Werken zu überbieten versuchten, weil keine die sein wollte, die auf ewig in der Hölle schmoren und zusehen musste, wie es sich ihre Schwestern im Himmel wohl sein ließen. Ich sehe das aber pragmatisch und die Nutznießer der Spenden und der guten Werke sicher auch.

Kommentare werden hier erst wieder nach Ostern freigeschaltet. 

15. Woche

Hier gibt es ausnahmsweise einmal Werbung.

(Aber nicht sofort.)

Ich lese von einem Wein, der sich „mühelos wegtrinkt“. Als ich noch mehr getrunken habe, mochte ich die kantigen, charaktervollen Weine – wohl wissend, dass diese Beschreibungen subjektiv und keine exakte Wissenschaft sind. Was mir charaktervoll erscheint, empfinden Sie vielleicht als grobschlächtig oder banal. Ich trinke fast nichts mehr, lese aber neuerdings gerne die Beschreibungen verschiedener Weine. Man kann lernen, Wein zu beschreiben, aber will ich das? Dazu müsste ich wieder anfangen, mehr davon zu trinken, und das will ich ganz und gar nicht.

Sie wissen ja, dass ich eine passionierte Friedhofsgängerin bin und sogar gegenüber von einem wohne. Unerwartet bietet sich die  Gelegenheit zur Teilnahme an einer Führung über den Ostfriedhof: Die größte Beerdigung sei die von Kurt Eisner gewesen, erzählt Herr S, die zweitgrößte die eines hohen Mitglieds der SA („da hinten hat er gestanden, der Hitler“), und die drittgrößte die von Rudolph Moshammer. Tot ist tot, scheint Herr S sich zu denken, wie er so den ersten Ministerpräsidenten Bayerns, einen SA-Bonzen und einen exzentrischen Modedesigner quasi in einem Satz abhandelt. Sehr anschaulich schildert er, wie Moshammers Sarg in die Gruft bugsiert wurde und was man dort außer der toten Mutter von Herrn Moshammer noch vorgefunden habe: zwei ebenfalls tote Hündinnen. Die dürften eigentlich nicht da liegen, aber man habe sie da gelassen, denn „es war doch der Herr Moshammer“. Über die Problematik älterer Gruften und Mausoleen, die seinerzeit noch nicht von einem TÜV abgenommen werden mussten, und über die immer noch vorhandenen Bombenüberreste aus dem 2. Weltkrieg spricht er, und am längsten über seine persönliche Beziehung zu dem Friedhof, auf dem er seit vierzig Jahren arbeitet und sogar lebt.

Nervös bin ich gewesen wegen eines eigentlich sehr ersehnten Seminars. Grund: der Fragebogen, den man zuvor ausfüllen musste und in dem für meinen Geschmack zu viele Fragen nach psychischen Befindlichkeiten gestellt wurden. Nach dem Seminar frage ich mich, was eigentlich nicht mit mir stimmt, dass ich die Begeisterung der Referenten selten teilen kann, dass mir die referierten „Erkenntnisse“ mitunter banal erscheinen und die Vermittlung des Lernstoffs allzu anspruchslos.

Anscheinend gehört es in gewissen Kreisen zum guten Ton, die eigene Caffettiera in den Urlaub mitzunehmen. Ich bin ja eine Spottdrossel: das erinnert mich an die Urlauber, die mit einem Wohnmobil voller Konserven nach Südspanien reisen, als gäbe es in der Fremde nichts zu essen.

Mona Lisa hat ein Buch über verbrannte Wörter gelesen.

Den Wanderlustigen möchte ich eine Blognachbarin ans Herz legen.

Ein zorniger Text von Juna zu den fridays for future.

Hier nun die Werbung, denn die Seite, auf die ich verlinke, ist kommerziell: Gert Weigelt hat den Deutschen Tanzpreis bekommen. Nicht fürs Tanzen, sondern fürs Fotografieren.

Was noch? Ach ja, vielen Dank an die alten und die neuen Leser_innen fürs Lesen. Und natürlich habe ich auch diese Woche wieder ein Buch gelesen: Ulrike Kolb, Yoram

Albtraum, ganz ohne Fieber

Der Mann sitzt in einem hässlichen Garten und singt mit gleichzeitig hoher und kratziger Stimme: „Komm doch mal rüber…“. Er ist dünn und hat lockige Haare. Der Garten ist lehmig, und es wachsen dort nur verkrüppelte Koniferen. Dass es kein Entkommen gibt, ist klar. Also werde ich ihn angreifen. Vorsichtig bewege ich mich zwischen den Koniferen auf ihn zu, während er davon singt, was er mit meinen braunen Augen anstellen will. Mir ist bewusst, dass ich träume und dass ich in einem Kampf den Kürzeren ziehen könnte. Ich zwinge mich, zu erwachen.

Ein Samstag im April

alltag-001-2018

Um drei Uhr wache ich auf. Das sind fünf Stunden Schlaf und damit schon besser als in der Nacht davor. Da habe ich nur dreieinhalb Stunden geschlafen. In den letzten zwei Jahren hatte sich eigentlich ein Rhythmus eingependelt, der so ging: erstes Einschlafen gegen 22 Uhr, aufwachen gegen drei, eine Stunde lesen,  aufräumen oder im Internet herumsandeln, dann wieder schlafen. Das erste Einschlafen geht leicht, aber der Punkt „dann wieder schlafen“ macht mir seit einiger Zeit zu schaffen. Es ist ja nicht so, dass ich um vier hellwach wäre. Ich bin quälend und nervenzerfetzend müde, kann kaum geradeaus laufen oder einen kohärenten Satz schreiben.

Ich muss doch noch eingeschlafen sein, denn der Wecker reißt mich um sieben Uhr aus wüst-schönen Träumen. Draußen ist der Himmel grau, trotzdem singen Amseln um die Wette. (Oder brüllen herum, wie meine Schwester sagen würde.) Drei Löffel Müesli, vier Löffel Joghurt, anderthalb Espressi, aufgefüllt mit Milch. Duschen mit Haarewaschen, Proviant in den Rucksack, alles hopp-hopp, der Zug wartet nicht.

Auf dem Weg zum See sehe ich noch Schneeflecken in schattigen Waldwinkeln, aber als ich am See ankomme, strahlt und wärmt bereits die Sonne. Tatsächlich habe ich den See noch nie so schön gesehen. Der Wald ist frühlingsgrün. Es blühen Veilchen, Schlüsselblumen und noch eine andere wilde oder verwilderte Primelart, außerdem ein Pflänzchen, das ich nicht kenne und das aussieht wie eine sehr kleine Anemone. In den Dörfern werfen Forsythien ihre feurig-gelbe Schönheit in den Himmel. Die ruhigeren Magnolien aber sehen aus, als habe man sie auf zartblauen Stoff gestickt. Am schönen Hof hat jemand die ehrenvolle Aufgabe, Wurzelstöcke zu zerkleinern. Das ist keine Sinekure, und mein fröhliches „Grüß Gott“ wird etwas säuerlich beantwortet. Die Berge am anderen Ufer erscheinen mir höher als im vergangenen Jahr, obwohl das ja nicht sein kann und ich meinen Aussichtspunkt nicht niedriger gewählt habe als sonst. Ich wandere kurz oder spaziere lange, je nachdem, wie Sie das sehen wollen.

Weil aber auch noch Flohmarkt ist, beeile ich mich und gehe Abkürzungen. Auf dem Flohmarkt lockt mich erst ein Emaillesieb,  aber dann entscheide ich mich für einen indischen Schal, der die ideale Größe für einen mantoncillo hat. Sollte ich noch jemals auf eine Flamenco-Bühne zurückkehren, hätte ich endlich einmal einen mantoncillo, der nicht zu kurz ist für meine 1,80 m. Ein mantoncillo ist ein kleiner, dreieckiger Schal, der über die Schultern gelegt wird und mit einer nicht zu auffälligen Brosche festgesteckt wird. Ist der Rockbund etwas zu weit, kann man den mantoncillo daran befestigen. Dann fungiert er als eine Art Hosenträger. Er kann Fransen haben oder einen kleinen Volant oder auch keines von beiden. (Diese Dame hier trägt einen sehr schönen mantoncillo.)

Am Nachmittag überfällt mich eine Gier nach Erdbeeren und Tomaten. Für beides ist es eigentlich noch zu früh im Jahr, trotzdem nehme ich den Bus zum Obst- und Gemüseladen und kaufe ein. Neben Erdbeeren und Tomaten erstehe ich noch eine Tüte italienisches Gebäck. Dann fahre ich mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum und suche nach einem Buch, das gerade erschienen ist und das ich unbedingt lesen will. Im zweiten Geschäft finde ich es.

Auf dem Rückweg steige ich versehentlich in eine Wagen voller Polizisten und Fußballfans ein. Beide Gruppen sind ja meiner Erfahrung nach nicht für ihre guten Umgangsformen bekannt. Ich bin also froh, dass ich schon nach zwei Stationen wieder aussteigen darf.

Zu Hause angekommen, lege ich mich zum Lesen aufs Sofa, bis mir einfällt, dass ich ja noch etwas für Ulli schreiben muss.

14. Woche

Der Efeu an der Friedhofsmauer hat schwarze Beeren. Ich lese, dass Efeu im Herbst und  erst nach ungefähr zehn Jahren blüht, und dass die Beeren ein starkes Gift enthalten. Japanerinnen pilgern auf den Nockherberg und tragen das, was sie für Dirndl halten. Wir hingegen kaufen uns einen „Kimono“ und verstehen darunter so etwas wie einen Bademantel.

Der Nachbar möchte mir eine Glasplatte mit der Aufschrift „Kochen ist Liebe“ schenken, die er nicht mehr gebrauchen kann. Leider muss ich ablehnen: meine Kochkünste würden jeden potenziellen Liebhaber in die Flucht schlagen, und man muss sie ja nicht noch mit der Nase darauf stoßen.

Das Haus meiner Träume wurde renoviert. Die früher hässliche Remise wird wohl ein Wintergarten. Ich hoffe, man lässt das kitschige Erkerfenster bleiben und streicht nur den Rahmen etwas dezenter.

Anfang der Woche tanze ich Sevillanas mit und ohne Kastagnetten, einmal als Paarchoreographie und einmal als Solo, dann improvisiere ich Galeras, und schließlich wiederhole ich die Siguiriya und die Guajira. Außerdem übe ich Fuß- und Armtechnik. Mitte der Woche reicht es nur für halbherzige Technikübungen und für eine fast ebenso halbherzige Farruca. Zuvor habe ich die Rezension eines Auftritts meines Lehrers gelesen und mich gewundert, was so ein Tanzkritiker alles sieht und was er sich dabei denkt. Ich nehme mir die Ausführungen des Kritikers zu Herzen und arbeite ein wenig an dem, was ihm an meinem Lehrer gefällt. Dadurch, aber nicht nur dadurch, verschwindet die unziemliche Härte aus meinen Bewegungen.

Am Donnerstag erhalte ich die ausführliche Einladung zu einem Seminar, auf das ich mich vergangene Woche noch gefreut habe. (Die „automatisierte Einladung“ habe ich schon vor längerer Zeit erhalten.) Unter anderem informiert man mich nun, ich dürfe gerne auch Jeans und Sneakers tragen.

Ich sehe  den ersten Schmetterling, aber er ist so schnell weg, dass ich nicht erkennen kann, was es für einer ist. Einen Tag später flattert ein Pfauenauge durch den städtischen Lehrgarten. Zum ersten Mal in diesem Jahr riecht es nach Grillkohle.

Die Schlaflosigkeit macht, dass ich mich am Morgen schon nicht mehr an die Nachrichten vom Vorabend erinnern kann. So gehen die Nächte ohne Schlaf dahin und die Tage im Nebel. (Bitte keine Tipps. Ich kann es nicht mehr hören, dieses „Du musst doch einfach nur…)

Ich höre ein bisschen Musik.  Tangos de la Repompa hört man heutzutage eher selten. Hier eine moderne Version der Gruppe Las Migas. In ihrem kurzen Leben – sie wurde nur 21 Jahre alt – kreierte La Repompa einen eigenen Gesangsstil, eben diesen Tango de la Repompa. Nach ihrem Tod hat eine ihrer jüngeren Schwestern den Namen und das Repertoire übernommen. Die Schwester lebt noch, soweit ich weiß.

Gelesen: Markus Zusak, The Book Thief (auf der Straße gefunden.)