Fundsachen 35

Die Rosenblatts mit dem bisher schönsten Text des Sommers: unterwegs. Der Sommer ist ja noch jung, aber ich glaube, das ist und bleibt mein Favorit.

Für Freund_innen der Fantasy: Die geschätzte Blognachbarin Carmilla de Winter liest.

Was geschieht auf der Aquarius?

Ich weiß, es wird langweilig, weil ich es immer wieder sage. Aber gehen Sie in den Botanischen Garten, wenn Sie in Berlin sind. Wirklich. Creezy hat es getan.

Die Donnerbella mag Schnaps, Dirndl und Fußball. Dinge, mit denen Sie mich bis nach Zinnowitz jagen könnten. Aber sie schreibt auch solche Texte.

Er schreibt wieder: der Schizophrenist übers Scheitern.

Dazu passt mal wieder eine Petenera, heute gesungen von Curro Malena. (In der Petenera geht es nämlich oft ums Scheitern. Wie überhaupt im Flamenco. Außerdem ist der Schizophrenist „un hombre muy flamenco“.)

Blühende Landschaften

An der Bahnstation:

„Hier verfällt auch alles.“

„Ist ja bald keiner mehr da. Die A geht nach Greifswald, die B lernt Erzieherin in Berlin, die C hat eine Lehrstelle in Hamburg.“

„Schau doch mal, was für wunderbare Rosen!“ 

„Und bald wohnt hier keiner mehr, der sie sieht. Die Leute  aus dem Haus ziehen auch bald weg.“

Hinter dem Bahnhof blüht die Trikolore: Mohn, Margueriten, Kornblumen. (Wie schreibt man „Margueriten“ auf Deutsch?)  Schmetterlinge und Tagfalter, deren Namen ich nicht kenne. Bläulinge (in rauen Mengen) kann ich identifizieren. Ein Storch auf Mäusefang, Raubvögel, ein Reh, ein Hase. Ein Brett in der Gabelung einer Weide als Sitz- und Rastplatz. Der Wind rauscht im Kirschbaum. Es scheint fast, als hätte sich seit den Heiden von Kummerow nichts verändert. Das ist natürlich eine Illusion. Alte Bauernhöfe gibt es nicht mehr. Hier und da ein zum Ferienhaus umgebauter Stall. Landwirtschaftliche Großbetriebe, etwas anderes rentiert sich nicht. Anscheinend versucht man, einigermaßen ökologisch zu produzieren. „Bio“ verkauft sich gut.

Vor ein paar Tagen, capitán, hielt mich das Meer wie vor vielen Jahren einmal Ihre Augen.

 

Blogpause

Hier ist jetzt erst einmal für  ungefähr zwei Wochen Blogpause. Ich bin ein bisschen leergeschrieben. Wer wissen will, wie es mir geht, kann bei Twitter schauen: @mardecuentos.

31. Mai 2018

Klare Verhältnisse geschaffen. In dieser Form wollte ich das eigentlich nie, aber mitunter ist das Ziehen von Grenzen notwendig für den eigenen Seelenfrieden. Im Internet funktioniert das auf eine Weise, die mir  im Grunde nicht gefällt. Dass es leichter ist als im Privatleben, bewirkt, dass man leichtfertiger damit umgeht. In diesem Moment jedoch bin ich froh über die technischen Mittel, die es mir erlauben, ohne viel Aufwand einen Zaun um mich und das Meine zu errichten. Übrigens bricht man ja auch im Privatleben den Kontakt ab, wenn er unerträglich wird. Den moralischen Zeigefinger, mit dem ich mir seit Wochen selbst drohe, sollte ich also vielleicht senken.

Ich glaube, ich mag den Barschlamperich. Über den bin ich bei Twitter gestolpert. Schauen Sie mal in sein Blog hinein, vielleicht mögen Sie ihn auch.

Am frühen Morgen

Am frühen Morgen schweigen die Friedhofsbäume. Als ich gegenüber einzog, reichten sie nicht einmal bis an die  obere Mauerkante.  Kein Windhauch rührt ein Blatt. Krähen besprechen Krähendinge und entwickeln dabei eine beachtliche Lautstärke.  Die Sonne ist blinzelt gerade einmal durchs Laub. Hinterm Balkon aber lärmt ein Quad über die Kreuzung. Hier bin ich, ich bin laut, beachtet mich, scheint der Fahrer zu rufen. Aber die anderen haben alle viel mehr PS.

Blattläuse klettern. Ein Buffet für Ameisen. Diesen Sommer, so wage ich zu vermuten, werden sie wieder bis in den dritten Stock kommen. Die Sonnenblume verrenkt ihre Knospe nach Osten. Über Nacht haben die Schmerzen im Bein aufgehört. In den Augen einer Clique, die sich in Kleinbloggersdorf für tonangebend hält, bin ich die böse Hexe. Mit Unschuld kann ich nicht mehr dienen. Ich bin zu alt für diese Spielchen, denke ich, aber im Grunde war ich das schon immer.

Am frühen Morgen wird der Kaffee in der Tasse kalt, während ich an Dich denke. Fünfundsiebzig Jahre, das ist nicht zu jung und doch zu früh. Du warst der Sommer in meiner Kindheit, und ich wusste es nicht.

Gelesen: Die Ladenhüterin

Keiko ist, milde ausgedrückt, verschroben. Schon als Kind folgt sie einer Logik, die nichts mit der ihrer Umgebung zu tun hat. Als Studentin beginnt sie, in einem „Konbini“ zu arbeiten. Die Uniform, die sie tragen muss, die ritualisierte Kommunikation mit der Kundschaft und die eindeutigen Regeln bieten ihrem Leben einen Rahmen, nach dem sie gesucht zu haben scheint. Nach ihrem Studium findet sie keine andere Arbeit, die Arbeit im Konbini wird zur Nische, in der Keiko überlebt und auf gewisse Weise sie selbst sein kann. Ohne einen respektablen Job und ohne Ehemann ist sie jedoch kein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Da taucht ein neuer Mitarbeiter auf, der undisziplinierte und großmäulige Herr Shiraha, und alles ändert sich.

Eine zurückhaltende Hauptperson, die lieber beobachtet, jedoch im Notfall auch zu handeln weiß, eine präzise Sprache sowie die Fähigkeit der Autorin, die Banalitäten des Alltags mit Zuneigung und Sorgfalt zu schildern, machen dieses Buch in meinen Augen lesenswert. Keiko erinnert an die Figuren der österreichischen Krimiautorin Maria Benedickt. Sie weicht dem Leben aus, weil es sie einfach zu viel Anstrengung kostet, „normal“ zu sein. Sie ist klug und lernwillig, so überlebt sie. Wie es in ihr aussieht, geht keinen etwas an. Was aus ihr hätte werden können, wenn sie gelernt hätte, höhere Ansprüche ans Leben zu stellen, wer kann das wissen? Es muss Millionen Menschen geben wie sie, denen wir täglich begegnen, und die wir zu Unrecht unterschätzen. Man könnte sich fast vorstellen, Keiko betriebe irgendwo ein kleines, privates Blog, in dem sie das besondere Biotop eines Konbini aufs Korn nimmt. Aber dazu ist sie wahrscheinlich viel zu diszipliniert.

Sayaka Murata, Die Ladenhüterin, übersetzt von Ursula Gräfe, erschienen im Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-351-03703-1

Der hässliche Platz

„La que es mala

no lo parece

y la que es buena

no lo aparenta“  („Esperanza„, hier gesungen von Antonio Machín)

Der hässlichste aller Plätze in unserer kleinen Stadt beherbergt, was nicht verwundern dürfte, eine Feldherrnhalle. Man gelangt zu diesem Platz über protzige Straßen, gesäumt von prächtigen Gebäuden, in denen weder dem Wohlbefinden noch der Schönheit gehuldigt wird – obwohl man gerne den Eindruck erweckt – sondern dem Geld mit einem großen G, E, L und D.

Wie Sie wissen, ist Pracht nicht immer gleich Schönheit, und so habe ich eigentlich selten Menschen auf dem Platz gesehen, welche die Augen schräg nach oben richteten, um die prächtigen Fassaden zu bewundern. Die meisten eilen gesenktem Blicks in eines der Museen, in den kleinen Park nebenan – in dem sich übrigens auch eine mit Muscheln besetzte Scheußlichkeit erhebt, die hier und heute aber nicht beschrieben werden soll – oder gleich zur Treppe, die in den Untergrund führt.

Der Untergrund aber ist eines der Vorzimmer der Hölle, zumindest im Berufsverkehr. Die Einwohner unserer kleinen Stadt, das stellte ich sofort fest, als mich das Schicksal hierher verschlug, können sich nur auf schnurgeraden Linien fortbewegen. Ausweichen, den Vortritt lassen oder Rücksicht nehmen sind hierorts Anzeichen der Schwäche. Unter dem hässlichen Platz zeigen die Hiesigen gar ein Benehmen, das mich bestenfalls an Schweine zur Fütterungszeit erinnert. Beim Umsteigen im Berufsverkehr  fürchte ich mitunter, erdrückt, überrannt oder ganz aus Versehen auf die Gleise geschubst zu werden, deshalb steige ich nach Möglichkeit woanders um. Heute allerdings nicht.

Einen markerschütternder Schrei lässt Böses ahnen. Erschrocken drehe ich mich um. Ein junger, weichgesichtiger Mensch brüllt mich an: „Weitergehen!“, dann schimpft er ins Telefon, dass die Leute hier ja alle behindert seien. Durch die wenigen Lücken zwischen den Körpern der nachdrängenden Passanten sehe ich, dass der Arm einer jungen Frau in der Tür der im Anfahren begriffenen U-Bahn stecken geblieben ist. Bevor ich bei ihr bin, haben zwei andere sie glücklicherweise schon befreit. Die drängelnde Menge aber schubst mich weiter, ob die Frau wohlauf ist, weiß ich nicht.

Was für ein Mensch, frage ich mich, muss man sein, um einen solchen Schrei für weniger wichtig zu halten als das eigene Telefonat, die eigene Bequemlichkeit? Das Gesicht des jungen Mannes, der ja nicht der Einzige war, der weiterging und weiter drängelte, ist mir bekannt. Ich kann mich irren, aber wenn nicht, dann handelt es sich um einen, der in den Social Media sehr aktiv ist und dessen Äußerungen mitunter auch zu mir schwappen. (Sein Foto ziert seinen Twitter-Account, deshalb kenne ich sein Gesicht.)  Er ist einer, der großen Eifer zeigt, wenn es darum geht, andere wegen eines falschen Worts oder einer ungeschickten Formulierung zu verdammen. Aber wie man sieht, benutzt so ein Mensch den Begriff „behindert“ als Schimpfwort und verhält sich auch sonst anmaßend und rücksichtslos.

Zu Hause angekommen, ist mir übel.