19.07.2018

Der Meister ist wütend. Der Meister schreit mich am Telefon an wegen etwas, wofür ich nichts kann. Etwas, wofür niemand etwas kann oder jeder ein bisschen,  und an dem der Meister ein wenig mitschuldig ist.  Ich verbitte mir das Geschrei. Da sagt er, ich soll es nicht persönlich nehmen, und schreit gleich weiter. Irgendwo, so sagt er, muss er seine Wut loswerden, auch wenn ihm klar ist, dass ich nichts dafür kann, ich bin nun einmal da und muss ihm zuhören, und deswegen schreit er immer  weiter. In eine Geschreipause hinein sage ich, was mir seit zwanzig Jahren auf der Zunge liegt und was ich nie ausgesprochen habe: Reißen Sie sich zusammen, ich bin nicht Ihr Mülleimer.

Ich werde alt. Alt und ungehalten. All die ungehaltenen Reden explodieren mir gerade im Bauch.

 

 

 

18.07.2018

Siebzig Akten in acht Stunden.

Zwei Tassen Kaffee, eine Flasche Wasser, keine Mittagspause. Eine Kollegin feiert Jubiläum, einen Teller Essen im Vorbeigehen mitgenommen und neben der Aktenbearbeitung am Schreibtisch gegessen.

Die Gesundheit einer anderen Kollegin verschlechtert sich. Damit sie weiterarbeiten kann, müsste die Firma gewisse Hilfsmittel bereitstellen. Die Firma sieht das nicht als dringlich an. Dabei wäre die Kollegin ein echter Verlust.

Knapp neunzig Minuten Training, dann geht nichts mehr. (Sevillanas mit Kastagnetten fast fehlerlos. Mit den Galeras herumgespielt.  Das wird nicht einfach. Tango de Málaga und Guajira wiederholt. Warum bin ich am ausdrucksvollsten, wenn ich zu müde für eine saubere Technik bin?)

17.07.2018

In praller Morgensonne Thymian, Rosmarin, Basilikum und Petersilie ein- bzw. umgetopft. Bienen, Hummeln und – dank Schlachthof in der Nachbarschaft – dicke, grüne Schmeißfliegen vergnügen sich im Blumenkasten. Das Meislein kommt vorbeigeflogen und ist sichtlich ungehalten über den Mangel an Meisenknödeln. Trotzdem pickt es auf dem Blumenregal herum, da muss doch noch etwas zu holen sein.

Plastikmüll zur Tonne gebracht, auf dem Rückweg eingekauft. Die Tüte mit den Toilettenpapierrollen reißt, Passanten – Männer wie Frauen – stehen blöd umher, während ich zu Ihren Füßen herumkrieche und die Rollen aufsammele. Ich stehe auf und bedanke mich höflich, aber wie das heutzutage zu sein pflegt, verpufft die Ironie, ohne Wirkung zu zeigen.

Menschen streiten, ob man Leben retten soll, und wenn ja, welche. Anscheinend gibt es wieder unwertes Leben. Der Freund, herzensgut von Natur, aber seit längerem von unheiligem Zorn ergriffen, verrennt sich immer mehr.

In der U-Bahn spielt eine bildschöne Romni virtuos das Akkordeon. Ein älterer Herr und ich halten Münzen bereit, um sie ihr in den Becher zu werfen, den sie an ihrem Instrument befestigt hat. Eine Frau keift empört, es sei verboten in der U-Bahn zu musizieren. Hinter mir grölen ein paar Männer Hetzparolen. Der ältere Herr versucht, mit der keifenden Frau zu diskutieren, die ihm irgendeine Marke (Polizei, Sicherheitsdienst?) zeigt. Derweil brüllt mich einer aus der Männergruppe an. Mir bleibt die Stimme weg, wie so oft in solchen Situationen,  dabei hätte ich dem älteren Herrn und der Musikerin gerne beigestanden.

 

Die Raupe Nimmersatt

wohnt auf meinem Balkon.

Wenn Ihre seit Jahren zuverlässig wachsende, sehr robuste Zitronenmelisse kränkelt und innerhalb von drei Tagen aussieht wie grüner Stacheldraht, dann sollten Sie einmal nachsehen, ob sich vielleicht auf dem Rand des Topfs oder des Untersetzers eine nicht mehr so kleine grüne Raupe verlustiert.

Wer sich, wie ich kürzlich, über die Schmetterlinge am See freut, kann auch den Raupen in der Stadt nichts tun. Man wird abwarten müssen, bis sich der kleine Nimmersatt verpuppt und dann stillschweigend die Melisse und vielleicht auch den Liebstöckel ersetzen. Nichts ist ewig, auch kein Raupenleben, aber man möchte doch nicht den Schmetterling töten, bevor ihm Flügel wachsen. Das passiert tatsächlich wie auch im übertragenen Sinne schon allzu oft.

Vielleicht hebt es wenigstens die Laune der Kräuterfrau, wenn ich Pflanzen kaufen muss.

Wie ich einmal einen Staubsauger kaufen wollte

… und mit Pferdeschinken nach Hause kam.

Meine Wohnung braucht einen neuen Staubsauger, auf den ich für meinen Teil ja hätte verzichten können, aber leider ist die selbstreinigende Wohnung noch nicht erfunden. Eine Alexa kommt mir aus Gründen nicht ins Haus, und wie mir die Twitterblase glaubhaft versichert, reagiert die auch nicht, wenn man sagt: Alexa, putz die Wohnung! Man möchte ja den Einzelhandel im Viertel unterstützen, aber der Einzelhandel im Viertel hat samstags zu. Zwar gibt es eine Telefonnummer für „echte Notfälle“, aber so dreckig ist meine Wohnung dann doch nicht.

Es gibt aber noch andere Dinge, die man an einem sonnigen Samstagvormittag tun kann, z.B. auf den Markt gehen, wo es unter anderem  Pferdeschinken und Pferdewurst – man muss alles einmal probiert haben – zu kaufen gibt. Die Kräuterfrau ist übellaunig und sieht nicht ganz gesund aus, dafür scheint Herr Kräuterfrau äußerst zufrieden. Tochter Kräuterfrau verkauft mir Rosmarin und Thymian. Die halbfeine Gesellschaft weilt schon am Meer, in den Bergen oder wo auch immer, deshalb ist der Markt ganz ungewöhnlich leer.

Am alten Rossmarkt, wo doch schon seit Jahrzehnten kein Ross mehr verkauft wurde, riecht es nach Pferdemist. Falls Sie jetzt glauben, der Geist meines Pferdeschinkens gehe dort um, muss ich Sie enttäuschen: es war bloß die berittene Polizei.

Die Feierlichkeiten anlässlich des CSD bringen den Busfahrplan durcheinander, also laufe ich nach Hause, zumal ich ja keinen neuen Staubsauger tragen muss. An der nun schon nicht mehr ganz neuen Synagoge  gehe ich vorbei, mitten hinein in die Großbaustelle, und von der Großbaustelle in die lange und am oberen Ende noch stille Straße. Der Südfriedhof, Vorgarten aller hiesigen Anwohnerinnen,  grünt dieses Jahr besonders üppig. Die Äste bilden ein nahezu vollständig dichtes Dach über den Wegen, und wenn man vielleicht verliebt wäre, dann…

Aber man ist nicht verliebt, aus gutem Grunde nicht,  und deshalb bewegt man sich ein- und sittsam nach Hause, um sich dortselbst denjenigen hausfraulichen Pflichten, die sich auch ohne Staubsauger erledigen lassen, hinzugeben.

Am Abend immer wieder Regen, aber nur kurz und nicht genug. In den Büschen an der Friedhofsmauer zwei O-Bikes. Vielleicht nutzen die Trinker an der Bushaltestelle sie, bevor sie zu betrunken sind, wer weiß.

Fundsachen 38

Weil in meinem Umfeld viel die Rede von Rollenprosa ist, hier der bisher klügste Text, den ich dazu gefunden habe.

Der Herr Buddenbohm beschwert sich: „Ich habe den Eindruck, dass immer weniger Alltagszenen in Blogs erscheinen, diese kleine Geschichten, die Beobachtungen.“  Was ja nur beweist, dass der Herr Buddenbohm mein Blog nicht liest, denn eigentlich tue ich ja fast nichts anderes hier. Das Blog von Mitzi Irsaj liest er offensichtlich auch nicht, denn da gibt es auch Alltagsgeschichten, sogar über einen Pilz und Giersch (oder so ähnlich)

„Denn alle Powenze fluchten von Herzen gern, kunstreich und gewissenhaft.“ Aufmerksame Leser_innen werden bemerkt haben, dass ich falsch zitiere. Es heißt „Denn alle Powenze logen von Herzen gern…“. Nicht gelogen, aber geflucht: Hannah Beitzer weiß, warum man manchmal „Arsch“ sagen darf.

Eine meiner liebsten Kommentatorinnen, die anonymeRosiHeidelindeMaikeAnja vergleicht mich nun schon zum zweiten Mal in diesem Monat mit Eva Braun. Verdient habe ich mir das ihrer Ansicht nach damit, dass ich mich vom geschätzten, aber entfernten  Blognachbarn nicht ausreichend distanziere. Für jeden Kommentar der anonymenRosiHeidelindeMaikeAnja verlinke ich in Zukunft einen Text des geschätzten Blognachbarn. 1. Von Rom nach London und 2. In einem Rokokogarten. Sie sehen also, anonyme RosiMaikeAnjaHeidelinde, Sie machen auf Ihre Weise Werbung für den Herrn Nachbarn.  

Die älteren unter Ihnen erinnern sich sicher an den Buena Vista Social Club? Hier ein rein weibliches Ensemble mit „Ay, Candela!“

 

Der Herr Minister beliebt zu scherzen

Ein bisschen Schwund ist halt immer, mögen sie sich beim Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat gedacht haben, als die Nachricht vom Selbstmord eines der 69 zum 69. Geburtstag des Herrn Innenministers abgeschobenen Afghanen eintraf. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von „Freitod“, was mir nicht passend erscheint, denn wer sich selbst tötet, tut das m.E. in den wenigsten Fällen in freier, unbelasteter Entscheidung, sondern unter großem Druck.

Zuvor hatte – falls Sie es nicht mitbekommen haben – Herr Seehofer sich selbst gefeiert. Nun, auch Herr Seehofer konnte nicht ahnen, dass einer der Abgeschobenen sich das Leben nehmen würde. Er ist nicht schuld am Tod dieses Menschen. Man kann ihm, aber nicht allein ihm, Scharfmacherei vorwerfen. Mag sein, die Abschiebung war rechtmäßig, das weiß ich nicht, ich kenne den Fall nicht.

Der Herr Seehofer  hat aber doch bloß einen Witz gemacht, sagen nun viele. Herr Seehofer ist ein ehrenwerter Mann. Nein, ist er nicht. Wer Witze macht über das Elend anderer Leute ist kein ehrenwerter Mann. Wäre er der Ehren wert, würde er zurücktreten. Das wird er aber nicht tun, bzw. wenn er es täte, dann nicht aus Einsicht, sondern nur unter Druck. Vermute ich. Wissen kann ich es nicht.

 

 

Daheim

Der Beton hat sich aufgeheizt, als ich am Abend in meine Wohnung komme. Ich gieße nur das, was es am allernötigsten hat und hoffe auf Regen in der Nacht. Zwei endlose Zugfahrten in zwei Tagen, mit Verspätungen und vielen, vielen Menschen. Ich beschließe, arbeitsame Auszubildende hin,  arbeitsame Auszubildende her, morgen erst um 9.00 Uhr im Büro zu sein. 

Aufschlussreiche, wenn auch nicht immer schöne Gespräche. Eine Lanze gebrochen für die Ehre einer zugegebenermaßen seltsamen und wilden Urgroßtante. Die Befürchtung, meine Worte seien auf taube Ohren gefallen. Kein Mensch ist ohne Grund und von Grund auf böse.

Wunderbare Texte  von Blognachbar_inn_en  in meinem Reader, aber auch an diesem Abend schaffe ich nicht alle.

Der Herr Hofschauspieler

Er muss gestorben sein, denn ich habe ihn schon über ein Jahr nicht mehr gesehen, wie auch sein weibliches Pendant, eine krumme, kleine Person, die sicher den einhundert Jahren schon näher war als den neunzig. Beide sah man zu jeder Tages- und Nachtzeit in ihren jeweiligen Jagdgründen, sie klein, dünn, tapfer, und ihn, der die Allüren eines Hofopernsängers zusammen mit den Anzügen eines einst sehr viel stattlicheren Mannes durch die Straßen trug.  Ob er Sänger, Schauspieler oder Tänzer gewesen ist, weiß ich nicht. Einmal wies er mich zurecht mit der selben Redewendung, die Jahre zuvor mein Ballettlehrer gebraucht hatte. Da kam ich darauf, dass er wohl Theatererfahrung hatte. Stets ging er bei Rot über die Kreuzung, mit böse funkelnden Augen um sich schauend, ob wohl ein frecher Chauffeur es wagen möchte, ihn zu überfahren. So weit ich weiß, wagte es keiner. Er sprach nicht bayerisch, obwohl er es anscheinend gekonnt hätte. Tatsächlich sprach er überhaupt nicht viel und vor allem nicht mit jedem. Wenn er sich jedoch äußerte, dann in gewählten, altertümlichen Formulierungen und selbst im Zorn mit äußerst präziser Diktion.  Einmal sah ich im Theater ein Bild eines viel jüngeren Mannes, der ihm ähnlich sah. Der Schauspieler, den es darstellte, spielte meist Schurken und Bösewichter. Ob er es war? Mit Sicherheit weiß ich es nicht, aber ich bezweifele es. Denn wenige Tage später sah ich ihn, der damals sicher gut 90 Jahre alt war, auf den Treppenstufen des Theaters sitzen, in einer Position, die den meisten Erwachsenen unbequem ist, aber typisch ist für Tänzer. Ganz offensichtlich hatte er kein Geld für eine Theaterkarte, und ich frage mich noch heute, ob er eine als Geschenk angenommen hätte.