Grenzen / límites

Na so was, ich habe neue Follower. Sind Sie sicher, dass Sie das wollen? Wollen Sie es sich nicht noch einmal überlegen? Nein? Gut, dann setzen Sie sich, nehmen Sie sich einen Kaffee, einen Tee,  oder was auch immer Sie vorziehen.

Leider muss ich Sie gleich warnen: ich schaue mir zwar jedes Blog eines neuen Followers an, und in der Regel gefällt mir, was ich lese, aber – und das tut mir außerordentlich Leid – ich folge  zur Zeit keinen neuen Blogs. Nachdem mir im vergangenen Jahr der Kopf dröhnte von den allzu vielen Stimmen, die sich in meinem Reader zu Wort meldeten, habe ich die Anzahl der Blogs, die ich lese, reduziert. Neue Blogs kommen nur dazu, wenn ein altes geschlossen wird oder ich es, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr lesen mag. Insgesamt sind es einige mehr als die unter Lektüre / lecturas verzeichneten. (Dort müssen es dreizehn sein, damit ich die Liste mit meiner sehr geschätzten dreizehnten Fee abschließen kann, und über die dreizehnte Fee diskutiere ich nicht.)

Meine Aufmerksamkeit hat Grenzen. Ich wünschte, es wäre anders. Aber selbst ich muss ab und zu einmal etwas anderes lesen als Internet.

 

Samstagslinks / los enlaces del sábado

Jenische (Video). Mehr dazu auch hier.

Eine bedeutende jenische Schriftstellerin ist die leider im Video nicht genannte Mariella Mehr.

Carmilla de Winter über die Ängstlichen.

Einer meiner Lieblingsorte in Sevilla im Wandel der Zeit: La Alameda de Hércules, im örtlichen Dialekt, den ein älterer Herr im Video ganz wunderbar spricht, auch „L’alamea“, ist eine öffentliche Anlage, die schon 1574 entstand. (Video, spanisch).

„Fremd im eigenen Land“ ist ein Satz, der hierzulande eher von rechts ertönt. Wie sieht das für Frauen in der Türkei aus?

Winter / invierno

Mein Vorgarten, der Friedhof, ist mit Eis und Schnee bedeckt. In der Morgendämmerung scheinen sich zwei Flammen zwischen schwarzen Baumstämmen zu bewegen. Als ich genauer hinschaue, sehe ich zwei Arbeiter in orangefarbenen Schutzanzügen. Alte Bäume sterben oft im Winter, und dann muss jemand dafür sorgen, dass sie im Tod nicht noch Mensch und Tier verletzen.

Gestern Abend war ich sehr dankbar für Mantel und Stiefel. Andere froren sichtlich, und ich musste an Zeiten denken, in denen mein Abendessen aus gerösteten Maronen bestand, die mir auf dem Heimweg in der Manteltasche noch die Finger gewärmt hatten. Triest kann sehr kalt sein.

Dabei fror ich damals weniger als andere. Meine Freundin Christina*, aus Sappada in den Dolomiten stammend, und ich, die ich als Deutsche sowieso den Ruf genoss, heimlich im Kühlschrank zu schlafen, lachten gemeinsam mit den Südtirolerinnen herzlos über all die frierenden und jammernden  Römerinnen. Die Sardinnen und Sizilianerinnen hingegen beklagten sich nie. Der Kälte und sogar der Bora begegneten sie mit dem selben Gleichmut wie der Hitze daheim.

Ich habe seit zwanzig Jahren nicht mehr an Christina gedacht. Gestern stieg eine junge Frau in Kniebundhosen und ohne Strümpfe in den Bus, anscheinend völlig unempfindlich gegen Kälte und Schnee. Sie sah Christina so ähnlich, dass ich gerne gefragt hätte, woher sie stammt.

Wirklich kalt aber waren – man kann es sich kaum vorstellen – die Nächte in Jerez de la Frontera. Die Fenster zum Innenhof waren nicht verglast, und auch  in Andalusien kann es im November nachts kalt werden. Ich hätte ein halbes Königreich gegeben für eine der schweren Daunendecken meiner Tante F., auf der Bauernhof ich in manchen Jahren die Ferien verbrachte.

Aber das echte Frieren, das habe ich erst in Bayern gelernt.

*Sappada ist eine deutsche Sprachinsel. Deshalb Christina und nicht Cristina.

 

Stellen Sie sich vor,

Sie haben einen Hund, und der Hund ist bissig. Der Hund kann nichts dafür, denn er wurde früher einmal so schlecht behandelt, dass er jegliches Vertrauen in die Menschheit für immer verloren hat. Er hat Angst, und deshalb beißt er.

Einen solchen Hund behandeln Sie mit äußerster Vorsicht, oder?

Nun stellen Sie sich vor, Sie haben täglich mit jemandem zu tun, der Ihnen in der Vergangenheit nicht nur einmal geschadet hat. Auch diese Person kann eventuell nichts dafür, auch diese Person ist möglicherweise nichts anderes als ein  früher einmal misshandeltes, verängstigtes Lebewesen.

Auf Grund Ihrer Erfahrungen  behandeln Sie diese Person jedoch mit äußerster Vorsicht. Dann sagt man Ihnen, Sie sollten doch endlich die Vergangenheit ruhen lassen. Könnten Sie das? Wäre es nicht klüger, weiterhin vorsichtig zu sein? Eben.

Aber ich, ich bin in meinem Leben noch nicht vorsichtig gewesen. Ich ziehe jedoch einen Stacheldraht um mich. Ich vergesse die bissigen Hunde nicht, auch da nicht, wo ich bereit bin, die Hand zu reichen. Die Hand, nicht mehr.

Mayte Martín, Ten cuidado

Auf dem Bahnhof

Mademoiselle ReadOn hat mich an etwas erinnert.

Auf dem Heimweg von einem Besuch bei mir  oder möglicherweise auch aus dem Kletterurlaub strandete meine kleine Schwester, damals kaum mehr als ein Teenager, des Nachts auf einer dieser gesichtslosen Betonkonstruktionen, die heutzutage als Bahnhöfe durchgehen. Nennen wir den Bahnhof Ludwigshafen, oder vielleicht war es auch Mannheim, ich erinnere mich nicht mehr.

Als sie da so mutterseelenallein saß, da näherte sich ihr eine Herr von äußerst kräftiger Statur mit den Worten „Ich brauch‘ ne Frau.“ Mein Schwesterlein – als Tochter der freien Reichsstadt, deren Bürger gerne vierspännig fahren – mit einsamen Herzen vertraut, die Deutsch als Fremdsprache lernen, verstand sofort. Dem kräftigen Herrn ging es keineswegs um die sofortige Erfüllung seines Verlangens, sondern er wollte ausdrücken, dass er gerne eine Freundin hätte, aber nicht wusste, wie er zu einer solchen kommen sollte. Also übte meine Schwester mit ihm, wie man hierzulande korrekt eine Dame anspricht, ohne sich gleich Ohrfeigen einzuhandeln. Was kann man sagen, wie könnte die Dame reagieren, was tut der Herr von Welt bei einem abschlägigen Bescheid, wann sollte er sein Vorhaben tunlichst aufgeben?

Der Herr – denn er war ein Herr – erwies sich als gelehriger Schüler. Man trennte sich, nicht ohne einander noch alles Gute für den weiteren Lebensweg zu wünschen. Womit bewiesen wäre, dass es nicht immer die klügste Entscheidung ist, hysterisch schreiend davonzulaufen.

13 von 13

Sie kennen doch 12 von 12? Das ist das, was passiert, wenn Blogger am 12. eines jeden Monats Fotos von ihrem Frühstück, ihren Schuhen, ihrem Arbeitsplatz und Ähnlichem machen. Nett. Aber nicht mein Fall. Außerdem habe ich keine funktionierende Kamera und sowieso keine Lust, zu fotografieren.

Da aber heute Freitag, der 13. ist, hier meine 13 von 13.

  1. Verschlafen, da zu doof, Wecker richtig zu stellen. (O.k., das Weckerstellen war schon gestern.)
  2. Dummen Kommentar auf klugem Blog geschrieben.
  3. Mich selbst auf Twitter dumm kommentiert. Wegen Punkt 2.
  4. Da verschlafen, in den Schülerbus um halb acht geraten. Jetzt weiß ich wieder, warum ich keine Kinder habe.
  5. Nachgeschaut, ob ich eine SMS bekommen habe. Bzw. nachschauen wollen, dabei den PIN dreimal falsch eingegeben. Handy fragt nach PUK. Was ist das denn? (Das war eine rhetorische Frage, sogar ich kann googeln)
  6. Den halben Tag gerätselt, ob ich vergessen habe, die Kaffeemaschine auszuschalten. (Der Diderot kommt nur am Wochenende zum Einsatz, oder wenn ich Spätdienst im Notruf habe.). Irgendwann war es mir egal. Ich hatte es übrigens nicht vergessen, es gab also keinen Großbrand in der Isarvorstadt.
  7. Festgestellt, dass SIE keinen Urlaub hat.
  8. Festgestellt, dass ER auch keinen Urlaub hat. Vorbei war’s mit dem ruhigen Tag im Bezirksgefängnis.
  9. Festgestellt, dass das Rechnungswesen die Zahlung eines Kunden zum zweiten Mal erst falsch verbucht und dann zurücküberwiesen hat. (Die Zahlung, wegen der ich ihm einen bösen Mahnbrief geschrieben habe, übrigens.)
  10. Im Training so ziemlich alles verpatzt.

Sie sehen, selbst ich bekomme an diesem angeblichen Unglückstag keine 13-teilige Pechsträhne zusammen. Im Übrigen bin ich sowieso der Meinung, dass der 14. April der einzige Unglückstag ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zur Bekämpfung des Aberglaubens empfehle ich: Friedrich Gerstäcker, Der Dreizehnte.

 

 

Die einzige Heimat ist die Sprache

(Vielen Dank für die Inspiration an Philea, die Salonière der Bloggeria.)

In Antibes, so erzählt Philea, gibt es einen Mann, der besteht ganz aus Buchstaben. Er ist innen hohl (nein, nicht das, woran Sie jetzt denken) und teilweise durchsichtig. Er ist groß, man kann um ihn herum, aber auch in ihn hineingehen. Der Titel der Skulptur ist „Nomade“.

 Der Nomade sitzt, die Arme um die Knie gelegt, und schaut aufs Meer hinaus. Man fragt sich, welchen Ort er dort, auf der anderen Seite des Meers sucht. Oder ist vielleicht das Meer das Ziel seiner Sehnsucht? Ist er „El marinero en tierra“, Rafael Albertis Seemann an Land? Oder ist er bloß eine Landratte mit Sehnsucht nach Meereswellen und fernen Ländern? Anscheinend nicht, denn er ist ja ein Nomade.

Er sitzt nicht auf einem Stuhl. Ein Stuhl würde implizieren, dass da irgendwo ein Haus, ein Ort oder eine Heimat ist, seien sie auch noch so armselig. Er hat keinen Koffer. Wird er ohne Gepäck abreisen? Oder, was mir wahrscheinlicher scheint: wird er gar nicht abreisen? Denn die Diaspora ist innen, und man muss nicht verreisen, um in die Diaspora zu ziehen oder aus der Diaspora zu fliehen. Oder, um García Márquez zu paraphrasieren: man reist nicht, wenn man muss, sondern wenn man kann.

Warum wurde er zu einem Nomaden? Freiwillig oder durch äußere  Umstände gezwungen? Sicher scheint mir, dass dem Schöpfer des Nomaden Sprache wichtig war. Warum sonst hätte er den Nomaden ganz aus Buchstaben entstehen lassen sollen?

Manche Sinti oder Roma sagen: wir haben kein Land, lasst uns wenigstens unsere Sprache. Manche Exilanten lernen, in der neuen Sprache zu schreiben und zu publizieren. Manche verstummen. Vor Jahren habe ich eine Sprache unterrichtet. Meine Schüler waren jung, undiszipliniert, und viele kamen aus fremden Ländern. Ich selbst war nur wenig älter. Wenn sie nicht lernen wollten,  predigte ich ihnen: Was ihr im Kopf habt, ist das einzige, was euch niemand nehmen kann.

Mein klügster, aber auch ungezogenster Schüler, einer, der heute wohl „Nafri“ geschimpft würde, antwortete mir: Doch, wenn man mir den Schädel einschlägt, dann ist alles weg. (Es war die Zeit, als in Deutschland die ersten rassistischen Morde geschahen.)

Der Nomade, so stelle ich mir vor, ist einer, der weiß, dass Heimat nicht immer ein Land sein muss. Einer, der weiß, dass es im Leben nicht nur eine Heimat gibt. Einer, der – wenn schon sonst nichts – wenigstens noch seine Sprache(n) hat.  

 

Samstagslinks / los enlaces del sábado

Ich bin, so fiel mir kürzlich auf, die einzige im Büro, die dem orthodoxen Kollegen am richtigen Datum  frohe Weihnachten wünscht. IrgendwieJuna über die Mehrheit, die Minderheiten und falsche Annahmen.

Journelle trollt Trolle. Mache ich ja auch manchmal. Macht aber keinen Spaß.

Angestellte im Büro-Aquarium. (Früher einmal mochte ich Großraumbüros, und für manche Jobs sind sie ideal. Für meinen jetzigen leider nicht, deshalb bin ich doch ganz froh über die Zweier-Suite, auch wenn ich manchmal schimpfe.)

Auswirkungen der Austerität auf Griechenlands Patienten. Wollen wir in Europa wirklich dahin zurück? (englisch)

Alle vierzehn Jahre kommen neue Wörter. (französisch)

 

 

Genosse Doktor und die Krawatte

(Vielen Dank an Mademoiselle ReadOn für die Inspiration.)

Vor Jahren, irgendwann in meiner finsteren und wenig ruhmreichen Vergangenheit,  arbeitete ich in einer Firma, die unter anderem Krankentransporte aus dem Ausland durchführte. Die Firma war gerade erst gegründet worden und rühmte sich besonders ihrer internationalen Belegschaft. Wir waren jung und wild und fest entschlossen, die Besten auf dem Assistance-Markt zu werden. Eine Zeitlang waren wir das. Sic transit gloria…

Aber wir wollten von den guten Zeiten reden, den Zeiten, die mehr als vorbei sind. Es gab damals im ärztlichen Dienst ein Juwel, einen Großen seiner Zunft, einen Flugarzt, wie ich nie wieder einen gesehen habe. Der Genosse Doktor war ein glühender Kommunist, ein aufrechter Kämpfer für Gesundheit, Hygiene und Menschenrechte, drei Dinge, die nach seinem Verständnis ohnehin zusammengehörten.  (Ein einfühlsamer Geburtshelfer war er übrigens nicht: Señora, wenn Sie nicht aufhören, zu schreien, gehe ich!) Man muss leider sagen, dass es mehr als einmal vorkam, dass ein Land den unbefristeten Generalstreik ausrief, sobald der Genosse Doktor dorthin geschickt wurde, um einen Patienten abzuholen. Wir beschuldigten ihn dann immer, dort agitiert zu haben.

Genosse Doktor trug übrigens keine Krawatten. Nie. Überhaupt waren Anzug, Krawatte und Kostüm im Notruf verpönt. (Können Sie mir erklären, wie man im Kostümchen einen Ambulanzflug organisieren soll?) Der Direktion gefiel das nicht unbedingt. Besichtigten in- oder ausländische Besucher den Zoo die Notrufzentrale, hatten sich aber die Ärzte in Schale  zu werfen. Genosse Doktor ignorierte dieses ungeschriebene Gesetz souverän. Am liebsten  wich er Besuchern sowieso aus. Nur einmal hat man ihn erwischt und ihn – vermutlich unter Androhung roher Gewalt –  gezwungen, sich die sogenannte Ärztekrawatte umzubinden. Diese hing, gut versteckt,  im hintersten Winkel des hintersten Schranks im Ärztezimmer. Keiner der Herren Doctores trug im Dienst Schlips. Die Krawatte hing dort nur für den Fall eines überraschenden hohen Besuchs. So gut versteckt war sie, dass nur Eingeweihte sie finden konnten. Und man tat gut daran, sie zu verstecken, denn sie war eine besonders hässliche Vertreterin ihrer Art. Soweit ich mich erinnere, handelte es sich um ein fast bleistiftdünnes Exemplar aus unregelmäßig gesponnenem, allzu locker verwebtem und übermäßig baumwollhaltigem Garn, dessen Farbe den Gedanken an eine heftige Diarrhoe nahelegte. Mancher  hätte sich vermutlich lieber den Strick eines Henkers um den Hals legen lassen als dieses zweifelhafte Artefakt.  (Es ist übrigens nur ein Gerücht, dass diese Allzweckwaffe auch eingesetzt wurde, um Brechreiz zu induzieren.)

Diese Scheußlichkeit war es, die der Genosse Doktor sich unter Zwang umband. Ich habe nie wieder gesehen, wie sich jemand eineinhalb Stunden lang so herrlich geschämt hat. Er konnte ja nichts dafür, aber allein in der Nähe einer solchen Krawatte gesehen zu werden, hätte dem hartgesottensten Knochenbrecher aus der Chirurgenzunft mit Recht die Schamesröte ins Gesicht getrieben.