Frankfurt, Fußball, Juden

Vorausschicken möchte ich, dass es kaum etwas gibt, was mich weniger interessiert als Fußball, selbst wenn Michael Herl in der Frankfurter Rundschau darüber schreibt. Für die, die es nicht gelesen haben, ganz kurz: während eines Spiels der Eintracht Frankfurt gegen Magdeburg kam es zu Ausschreitungen (wohl hauptsächlich) Frankfurter Fans.

Dass man mit gewalttägigen Fußballfans nicht unbedingt auf derselben Straßenseite gesehen werden möchte, ist klar, glaube ich. Ich gehe nicht einmal in die Nähe eines Stadions, deshalb kann ich eigentlich nichts zu solchen Dingen sagen. Warum ich mich hier also über Fußball ausbreite?

Herl schreibt: „Die friedlichen ‚Familienmitglieder‘  (gemeint sind Magdeburger Fans im sogenannten ‚Familienblock‘. Anm. der Bloggerin) erboten den Frankfurter den Hitlergruß in einer angeblich nicht verbotenen Form, nämlich mit gespreizten Fingern. Dazu schrien sie, das weiß ich von mehren Zeugen, „Uh, uh, Juden Frankfurt“ – und das vor den Augen der Polizei. Außerdem wurde das nicht nur einmal gebrüllt, sondern laufend.“

Ist also „Jude“ wieder ein Schimpfwort? Die Hetze gegen Juden mag noch nicht so gesellschaftsfähig geworden sein wie die Hetze gegen Muslime, aber wer ersterer  nicht entgegentreten wollte, der braucht sich über letztere nicht zu wundern. Die Hetzer werden gegen alle hetzen,  die auf irgendeine Weise anders sind. Dass Sie kein Muslim oder keine Jüdin sind, rettet Sie nicht. Vielleicht sind Sie homosexuell? Asiatin? Slawischer Herkunft? Auf irgendeine Weise sichtbar behindert? Arm? Arbeitslos? Um den Hass „besorgter Bürger“ zu wecken, braucht es nicht viel. Soviel muss jedem klar sein. Auch kann der Wind sich drehen, und Sie oder ich werden zur Zielscheibe, auf Grund irgendwelcher tatsächlicher oder zugeschriebener Eigenschaften, von denen wir selbst vielleicht noch gar nichts wissen.

Man darf nicht noch Wasser auf die Mühlen der heimlichen und un-heimlichen Nazis leiten.

 

La guitarra / die Gitarre

El que hace el amor deprisa

No puede ser tocaor

La guitarra es una niña

Que nunca mira el reloj

Wer es in der Liebe eilig hat, der wird kein Gitarrist, sagt Diego del Gastor, denn die Gitarre ist ein Mädchen, das niemals auf die Uhr sieht.

Herr F., Sportlehrer und Schuldirektor, brachte mitunter seine „Braut“ mit in die Schule. Die hatte weder weißes Kleid noch Schleier, aber einen langen Hals und sechs Saiten. Auf Twitter echauffierte man sich kürzlich darüber, dass ein Musikmagazin einen despektierlichen Vergleich zwischen Frauen und Gitarren gezogen hatte. Tja, willkommen in der Realität, liebe Twitter-Feminist_inn_en. Die Gitarre verlangt Hingabe, stundenlanges Üben, selbst wenn man nicht mehr alle Finger bewegen kann wie Django Reinhardt oder, wegen einer schon in jungen Jahren aufgetretenen Arthritis, mit starken Schmerzen spielen muss. Die Freundin oder Frau kommt erst nach der Gitarre, soviel ist sicher. Man sucht sich deshalb besser beizeiten eine Beschäftigung für die Stunden, in denen andere Frauen sich der ungeteilten Aufmerksamkeit ihres Mannes erfreuen dürfen. Eifersucht hilft da gar nichts. Die Gitarre ist stärker und hat das Sagen. Immer. Insofern ist sie die erste und größte Liebe. Ich kann darüber lächeln, nach über zwanzig Jahren.

 

Am Fluß / en la orilla del río

Ich bin spät dran, und so wird es die kleinste mögliche Runde. Die Sonne brennt schon, und die Flußufer sind meiner menschenscheuen Seele zu voll. Auf der Brücke kommt mir ein derangierter Herr in feinem Zwirn entgegen. Eine versoffene oder eine verliebte Nacht? So oder so, sie ist wohl nicht gut zu Ende gegangen.

Verengt man den Blick ausreichend, so kann man sich der Illusion hingeben, am Meer zu sein. Im Rücken fährt ein Zug vorbei;  Nahverkehrszug, registriert das Eisenbahnerohr sogleich. Der Fluß riecht schmutzig, aber die Leute baden trotzdem.

Um diese Jahreszeit sieht der städtische Rosengarten aus einem bestimmten Blickwinkel aus wie von Monet gemalt. Ältere Herren, die sich mit Hüten gegen die Sonne schützen, stehen zwischen den Beeten wie englische Touristen in der Provence. Man möchte sie fotografieren, wenn einem das ständige Herumknipsen nicht zuwider wäre.

Sonnenblumen sind nicht immer einzigartig. Im Garten randalieren schwarzäugige Susannen und blaue Kardendisteln inmitten ordentlicher Rosenbeete. Eine möglicherweise neuere Züchtung, die ihre Herkunft von der Heckenrose nicht verleugnen kann, duftet wie das Paradies selbst. Ein paar Schritte weiter wird auf eine Duftrose hingewiesen, der man den Namen „Heidi Klum“ gegeben hat. Na, wie die riecht, will ich gar nicht wissen.

Der Ginster ist nun voll aufgeblüht, und in einer Ecke blüht auch der giftige Oleander. Winden, dieses zarte Unkraut, sind überall. Die Clematis scheint die pralle Sonne nicht zu mögen, aber auch nicht den Schatten. Auf meinem Balkon ist sie  immer schon nach einer Saison eingegangen, in der  sie sich mit ihren  leuchtendvioletten Sternen gegen das Orange der Kapuzinerkresse und der Tagetes tapfer verteidigt hatte.

Die Stadt stellt handtuchgroße Beete zum Anbau einjähriger Nutzpflanzen zur Verfügung. Das hilft mir nur leider gar nichts, denn ich suche ein Asyl für meine schwarze Johannisbeere, die auf dem Balkon verkümmert. Für einen Sauerkirschbaum, von dem ich seit Jahren träume,  ist da ohnehin kein Platz.

 

Dieser Sommer / este verano

Diesen Sommer habe ich, glaube ich, so gut wie verpasst. Zu viel Arbeit, zu viel Beziehungsstreß und folglich in der Freizeit kaum noch Energie. Wo ich lebe, ist es oft bis in den Oktober hinein noch schön und sonnig, aber es ist nicht da, wo ich sein möchte. Die Landschaft ist hier von postkartenartiger Schönheit, aber  ich kann das nur konstatieren, die Schönheit berührt mich nicht.

Will man Teilen des Internets glauben, so verbünden sich gerade Muslime und Feministinnen, um gemeinsam die Weltherrschaft zu übernehmen. Ach!

Möglicherweise…

(aus gegebenem Anlass)

Möglicherweise gibt es derzeit wirklich Wichtigeres als ein Stück Stoff. Aber das Stück Stoff, an das ich denke, ist ein Symbol geworden, und zwar nicht ein Symbol des Glaubens, sondern der Heuchelei.

„Die Alte sollte sich doch was anziehen. Die ist ja schon ganz zerknittert. “ (in der Straßenbahn, als im vergangenen – glutheißen – Sommer draußen eine ältere Dame im Trägerkleidchen vorbeilief)

„Iiihh, bei der schwabbelt ja alles! Die sollte sich doch was anziehen.“ (im Schwimmbad, über eine dicke Dame im Bikini)

Hier noch mein derzeitiger Favorit, irgendwo im Internet gelesen: „Die meisten Feministinnen sind so hässlich, die sollten sich besser eine Burka überziehen.“

Also, habe ich das richtig verstanden? Ich oder Sie oder die Nachbarin von gegenüber sollen uns etwas anziehen, um mit unseren diversen unästhetischen Körperteilen etwaige Betrachter nicht zu verschrecken? Täten wir dies jedoch aus religiösen Gründen, müsste man uns von den Stoffschichten, die wir uns angezogen haben, befreien?

Ach, da bin ich jetzt aber ganz verwirrt.

 

 

Und dann…

Und dann lese ich, dass die G., die mehr hat, als ich jemals haben werde,  sich das Leben schön trinken muss, und ich frage mich, welche Abgründe wohl hinter einer perfekt gestylten Fassade lauern können. Möglicherweise ist das Problem, dass die Fassade eben nicht wirklich perfekt ist, sondern nur perfekt gestylt oder nur Fassade. Und ich frage mich auch, was solche Leute vom Leben erwarten, wenn ein sicherer Arbeitsplatz, eine stabile Beziehung und ein Dach über dem Kopf nicht reichen. Und wenn das eben nicht reicht, warum man sich dann nicht hinsetzt und nachdenkt, was man ändern könnte. Aber dann müsste man sich ja der eigenen Abgründe bewusst werden. Man müsste sich eingestehen, dass man manche Dinge nicht hinkriegt, dass man zu alt, zu jung, zu dumm, zu ängstlich, zu schwach oder einfach zu faul ist, etwas zu ändern. Man kann es ja auch lassen, wie es ist, das ist ja keine Schande. Nur, ob man dann öffentlich herumjammern muss, wo man sich selbst doch sonst so gerne über andere erhebt, oder ob man einfach, wie die meisten anderen auch, einen Fuß vor den anderen setzt, den Rücken gerade macht und weiterläuft, wenn man auch ein bisschen stolpert dabei, das ist , so denke ich,  eine Frage des Charakters.

(Ich mag mich nicht, wenn ich solche Sachen schreibe.)

Vom Übersetzen: Liebes Microsoft,

mein Outlook-Kalender war so freundlich, mir mitzuteilen, der 30. August sei der „Tag der Rose von Lima“. Das tut er, weil ich (aus gegebenem Anlass) die Anzeige peruanischer und spanischer Feiertage eingestellt habe.

Nur, was für ein Gewächs soll die Rose von Lima sein? Und seit wann haben Rosen einen eigenen Tag? Da ist wohl beim Übersetzen etwas schief gegangen. Tatsächlich geht es hier wohl um Santa Rosa de Lima, also die Heilige Rosa von Lima. (Wer die unappetitliche Geschichte nachlesen will, das ökumenische Heiligenlexikon weiß etwas darüber.)

Es geht also nicht um eine Blume, sondern um eine Heilige. Das hätte der_die Übersetzer_in schon  wissen können, finde ich. Solche Dinge sind der Grund, warum die kleinen Übersetzerstudent_inn_en an der Uni sich mit so viel Landeskunde plagen müssen. Damit sie wissen, wer oder was  mit Rosa de Lima (nicht rosa de Lima, dann hätte Microsoft Recht) oder 10 Downing Street oder gar Via delle Botteghe Oscure gemeint ist. Es reicht nämlich nicht, nur Vokabeln und Grammatik einigermaßen zu beherrschen. Nicht weinen, liebe Kinderlein, das ist eben der Unterschied zwischen den Profis und den Amateuren. Die Profis wissen, dass sie nichts wissen.

(Gewidmet Carlo Bo. Wer ihn kannte, weiß warum.)

 

 

Der Nachbar

„Geht es Ihnen nicht gut?“ fragte ich ihn, als ich ihn zum letzten Mal sah.

Und er, der sich nie beklagte, sagte, nein, es gehe ihm gar nicht gut. Bevor ich mir überlegt hatte, ob es wohl in Ordnung sei, ihn zu fragen, ob ich etwas für ihn tun könne, stieg sein Freund in den Aufzug, und der Moment war vorüber.

Wenn es mild war, saß er gerne mit den anderen älteren Herren auf einer der Bänke am Friedhof oder notfalls an der Bushaltestelle. Meine Vorliebe für Hitze, scharfes Essen und Museen konnte er nicht verstehen. Er liebte Fußball, Bier und Schweinebraten. Schweinsbraten, wie sie hier sagen. Er arbeitete am Schlachthof, und als ich gerade hierher gezogen war, habe ich ihn mehr als einmal mit blutverschmiertem Kittel gesehen. Als Rentner aber war er ein feiner Herr, wohlduftend, den prächtigen grauen Bart ordentlich gestutzt,  immer „mit Schlips und Kragen“, wie meine Großmutter gesagt hätte. Nur, wenn es brüllend heiß war, ließ er die Krawatte weg und den obersten Hemdknopf offen.

Ich habe es nicht wirklich geglaubt, als er sagte, es gehe ihm gar nicht gut. Wird man älter, ziept es ja leicht einmal an der einen oder anderen Ecke. Außerdem war er ja immer da, vital und stark noch im Alter. Aber irgendwann geht es zu Ende, für uns alle.

Das Rätsel der Wölfe / El enigma de los lobos

Sie werden es nicht glauben, da Sie mich ja als eine Person von geradezu heiligmäßigem Lebenswandel kennen, aber gestern habe ich auf Twitter einen Streit vom Zaun gebrochen. Hintergrund war, dass eine Twitterbekannte und deren Kind von Nazis und ähnlichem Gelichter  permanent angegriffen, beschimpft und bedroht werden. Mit dem Gelichter habe ich mich angelegt, aus eben diesem Grund, und ich habe mir die zugehörigen Accounts näher angesehen. Man muss als Mann kein Feminist sein, man darf sogar eine Meinung vertreten, die ich als rechtskonservativ bezeichnen würde, aber was bringt es den Rechten, Kinder mit Tod und Vergewaltigung zu bedrohen? Wie kommt man auf so etwas? Wieso zieht jemand Befriedigung daraus? Ich habe ja auch seltsame Hobbies, wie Sie erkennen werden, wenn Sie mein Blog lesen, aber so etwas?

Was ich schon lange spüre, aber nicht wahrhaben wollte: Die Wölfe sind zurück. (via @saetzeschaetze, die hier bloggt: Sätze&Schätze.