Drei Dinge

Nach drei Dingen, die eine Frau auf eine einsame Insel mitnehmen würde, fragte eine Frauenzeitschrift (ja, so etwas lese ich, wenn der Zug so viel Verspätung hat, dass die eigentlich wohlkalkulierte Menge Lesestoff nicht ausreicht). Die Antwort der befragten Dame lautete: Augencreme.  

Der Witz an einer einsamen Insel ist doch, dass da niemand ist, oder? Folglich sieht einen keiner, der eine ungepflegte Augenpartie beanstanden könnte. Ich bin ja so unbedarft, dass mir vor nicht allzu langer Zeit die Existenz von Augencreme völlig unbekannt war. Bei einsamen Inseln denke ich an Streichhölzer, Messer und vielleicht einen Kochtopf.  Aber was weiß ich schon? Vielleicht möchte die Dame einem potentiellen Retter in der Not bloß nicht verschrecken. Nicht auszudenken, wenn der Retter, schockiert vom Anblick einer ungestylten Schiffbrüchigen, wieder in sein Boot spränge und davonruderte.

Familiengeschichtensplitter

Meine Urgroßmutter, so erzählt man mir, war einmal sehr entrüstet, als sie die Gemeindezeitung aufschlug: „Diss ahle Mensche soll ich sin?“ (Diese alte Frau soll ich sein?). Betagte Gemeindemitglieder wurden nämlich mitunter in Wort und Bild im Gemeindeblatt verewigt. Ihre Kinder hatten, wie sie meinten, ein besonders schönes Foto der alten Dame ausgewählt. Diese aber fühlte sich anscheinend viel jünger als sie war und aussah. (Tun wir das nicht alle? Wenn nicht, sind Sie entweder vom Glück begünstigt oder noch unter vierzig.)

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Einer meiner Urgroßväter, aber von der anderen Seite der Familie, hatte mit 36 Jahren eine Glatze. Oder eigentlich hatte er keine Glatze, sondern schlohweißes Haar, für das er sich aber schämte und das er deshalb abrasierte. Sein Haar war im 1. Weltkrieg weiß geworden.

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Ich erzähle das nicht Ihnen, sondern mir selbst, damit ich es nicht vergesse. Kleinigkeiten. Allenfalls Kuriosa, wenn Sie so wollen. Aber ich baue mir aus diesen Splittern meine vor langer Zeit verlorengegangene Heimat wieder zusammen.

Banalitäten

Warum ich zögere, Dinge ins Internet zu schreiben, die über simpelste Banalitäten hinausgehen? Kürzlich habe ich eine Diskussion unter Bloggern mitbekommen, wo meinem Gefühl nach alle Beteiligten guten Willens waren, jedoch – auf zunächst sehr zivilisierte Weise – unterschiedlicher Meinung. Ein Text, den ich nicht verlinke, weil ich ihn nicht unbedingt für lesenswert halte, war unterschiedlich interpretiert worden. Die Diskussion entgleiste, Menschen unterstellten einander Dinge, die nie gesagt wurden, einige nahmen für sich selbst in Anspruch, was sie anderen zuvor nicht zugestehen wollten, ein Wort gab das andere…Sie kennen das, und ich habe keine Lust mehr darauf.

Möglicherweise hätte es geholfen, den Text noch einmal zu lesen, die eigene Haltung durch Arbeit am Text noch einmal zu überprüfen, aber das ist mühsam. Viel einfacher ist es doch, die eigene moralische und intellektuelle Überlegenheit durch Wortgeklingel zu demonstrieren.

November: Was ist der Alltag?

Ulli vom Café Weltenall hatte eine Idee. Erfahren habe ich davon auf dem Blog von Zoé.

Der Alltag ist nicht ein langsamer Morgen im November, mit Kaffee und Blogtexten, mit der Zeitung und einer warmen Decke. Das ist ein Festtag, oder ein Ferientag

Mein Blick auf den Alltag ist härter geworden seit Plagiat* und Verrat. Freundschaften tragen nicht mehr, oder zumindest mag ich nicht mehr ausprobieren, ob sie noch tragen.

Seltene Festtage wie der heutige, zweiter in einer Reihe (arbeits-)freier Tage, sind sie nicht auch eine Form von Eskapismus, und ist der Eskapismus nicht eine Art von Egoismus? Andererseits: Darf man gegen den Einzug einer gewählten Partei in den Landtag demonstrieren? Die Partei ist gewählt, gewählt in einer Demokratie, wir können und dürfen nicht verhindern, dass ihre Abgeordneten ihre Plätze einnehmen. Aber wir können und dürfen unser Missfallen und unsere Sorge ausdrücken.

Gedankensplitter beim ersten Kaffee. Alltäglich, irrelevant und nicht ganz ernst zu nehmen.

(*Noch einmal: mir ist immer noch nicht klar, ob das Plagiat ein absichtliches Plagiat oder nur eine unbewusste Reminiszenz war. Letzteres passiert. Mir auch. Aber mein Misstrauen lässt sich nicht mehr ausschalten.)

Fundsachen 46

(Damit  keine Missverständnisse aufkommen: Ich werde hier nicht mehr regelmäßig Fundsachen verlinken, nur, wenn ich über etwas stolpere oder es mir ins Gesicht springt.)

Ich unterschreibe den ersten Teil (und die Antworten auf den Fragebogen zumindest teilweise) 

Angela Merkel, nun ja. Falsche Partei. Aber „wir schaffen das“ war der beste Satz, den sie sagen konnte. Jana Hensel über die Kanzlerin. (Ich bin nicht mit dem ganzen Text einverstanden, fand  ihn aber doch verlinkenswert.)

Überleben dank vieler glücklicher Zufälle. (auf Twitter via @AnitaWorks9698)

Warum war das Christentum mit der Sklaverei vereinbar, habe ich mich oft gefragt. Sami Omar versucht eine Antwort. (ebenfalls auf Twitter,  via @peng_oh_peng)

Ein musikalisches Fundstück mit einer interessanten Geschichte (siehe Kommentare unter dem Video).

 

Sonntagssachen 2

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Mehrwegeinkaufstasche, 21. Jahrhundert, aus Kunststoff.

Verwendet als Aufbewahrungsort für „Computerzeugs“, also Handbücher, Ersatzkabel, Disketten etc. Steht normalerweise  im Schlafzimmer in dem schmalen Zwischenraum zwischen Bett und Kommode. (Man muss seine Zuflucht zu allerlei Künsten nehmen, wenn man nur eine winzige Wohnung hat.)

Inspiriert hat mich das Blog Reading My Tea Leaves. Die Autorin lebt mit Mann und inzwischen zwei Kindern in einer kleinen Großstadtwohnung und muss mit den wenigen Quadratmetern gut haushalten.

Soll man?

Soll man, so fragt jemand auf Twitter, den Kontakt abbrechen zu den Eltern, wenn diese AfD wählen? Mein Vater lebt nicht mehr, aber er hat sein ganzes Leben nichts anderes als SPD gewählt. Bei meiner Mutter ist keine Gefahr:  sie hat nie eine rechte Partei gewählt und wird das auch auf ihre alten Tage nicht tun. Ich habe aber zwei angeheiratete Cousins, die mit der AfD zumindest sympathisieren. So entfernte Cousins, dass man sie außerhalb Nordhessens wohl nicht einmal mehr Cousins nennen würde.

Die Frage, die auf Twitter gestellt wurde, war eine rhetorische. Der Fragende, der sich betont christlich gab, war der Meinung, man müsse sich auf jeden Fall von solchen Eltern distanzieren. Er konnte das sogar mit einem Bibelzitat untermauern. Nun, wenn ich noch so bibelfest wäre wie in meinen frommen Zeiten, könnte ich sicher einen Bibelvers finden, mit dem sich das Gegenteil belegen ließe.

Obwohl ich ziemlich sicher bin, dass man es nicht mit dem Christentum vereinbaren kann, die AfD zu wählen, und obwohl ich sicher nur noch kulturell Christin bin, möchte ich doch zu bedenken geben, dass es auf keinen Fall christlich ist, Menschen zu verteufeln und zu verstoßen, weil sie einen falschen Weg gehen.

Wäre meine Großmutter katholisch gewesen, hätte man sie wahrscheinlich eine Herz-Jesu-Sozialistin nennen dürfen. Ihre zahlreichen Brüder vertraten, soweit ich weiß, sehr unterschiedliche Meinungen. Was sie nicht hinderte, miteinander und mit meinem bekanntermaßen roten  Großvater zu trinken. Eine Familienlegende erzählt von einem Gespräch zwischen meinem Großvater und seinem Schwager. Letzterer – ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde – tatsächlich oder nur gespielt stockbesoffen, sagte es meinem Großvater auf den Kopf zu: „Martin, du bist Schuhmacher.“  Und mein Großvater: „Nein, Martin, ich bin doch Schmied!“ „Schuhmacher“ bezog sich natürlich auf Kurt Schumacher. Der eine Martin hat den anderen Martin übrigens nicht denunziert. Familie eben. Oder vielleicht hatte der eine Martin auch nur ein bisschen Angst vor seiner Schwester.

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Wissen Sie eigentlich, wer der Apfelpfarrer war?

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Und weil man nicht nur melancholisch sein kann: Video